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Das Gesetz ist der Praxis einen kleinen Schritt voraus

Ministerialrätin Birgit Bienzle. Foto: MLR

Nanomaterialien werden in vielen Branchen eingesetzt, um die Anwendung oder Wirkung von Produkten zu verbessern. Nano-Titandioxid ist ein wirksamer UV-Filter in Sonnencreme, Silber Nano-Partikel wirken in Holzschutzmitteln und Fassadenanstrichen gegen Mikroorganismen. In beiden Fällen erfahren Verbraucher aus der Zutatenliste, dass und welche Nanomaterialien zur Rezeptur gehören. Seit dem 13. Dezember 2014 müssen Nanomaterialien nun auch auf Lebensmittelverpackungen gekennzeichnet werden. Ministerialrätin Birgit Bienzle ist die stellvertretende Leiterin der amtlichen Lebensmittelüberwachung in Baden-Württemberg. Mit ihr sprachen wir über die Hintergründe und Folgen dieser Kennzeichnungspflicht.
 

Frau Bienzle, ein kleiner Zusatz „(nano)“ in der Zutatenliste soll künftig zeigen, welche Nanomaterialien in Lebensmitteln eingesetzt wurden. Auf welchen Lebensmitteln wird er Ihrer Erfahrung nach zu finden sein?

Ich vermute: Gar nicht. Denn bisher sind uns keine Zutaten bekannt, die speziell als Nanomaterial eingesetzt würden. Am ehesten wären Nanopartikel noch bei den Lebensmittelzusatzstoffen zu erwarten, doch bisher ist noch kein Zusatzstoff zugelassen, der als technisch hergestelltes Nanomaterial angesehen werden muss und damit zu deklarieren wäre. Auch Lebensmittel, die andere, völlig neue „Nano-Zutaten“ enthalten, müssten übrigens nach EU-Recht eigens zugelassen werden. Das ist aber bisher ebenfalls nicht passiert.
 

Heißt das, die Lebensmittelindustrie setzt keine Nanomaterialien ein?

Nein. Es gibt eine ganze Reihe von Nano-Anwendungen, doch die betreffen nicht die Lebensmittel selbst. Nanomaterialien werden beispielsweise für die Oberflächen von Maschinen(teilen), Filtersysteme oder in den Verpackungen eingesetzt. Nano-Zutaten sind dagegen eher unwahrscheinlich und bisher auch nicht auf dem Markt. Es gibt zwar „Kapseln“ aus Polysorbaten oder Beta-Cyclodextrin, die selbst nur wenige Nanometer groß sind und beispielsweise Aromen oder natürliche Farbstoffe umhüllen und so stabil halten können. Sie gelten aber nicht als Nanomaterialien nach der Definition in der EU-Lebensmittelinformationsverordnung und müssen deshalb im Zutatenverzeichnis nicht mit der Nano-Klammer gekennzeichnet werden.
 

Wieso gibt es überhaupt eine Kennzeichnungspflicht für Zutaten, die es offenbar gar nicht gibt? Was haben Verbraucher davon?

Der Gesetzgeber will damit Verbrauchern die Entscheidungsfreiheit sichern. Die Vorschriften zur Kennzeichnung sollen auch den Entwicklungen der Zukunft gewachsen sein. Mit der Kennzeichnungspflicht für Nanomaterialien ist das Gesetz diesmal einen kleinen Schritt weiter als die Industrie in ihrer Praxis. Entscheidend dafür, wie häufig in Zukunft möglicherweise der Einsatz von technisch hergestellten Nanomaterialien in Lebensmitteln auf den Etiketten erscheint, ist allerdings die Definition der Nanomaterialien. Und hier wird auf EU-Ebene noch heftig gestritten. Daher arbeitet die Europäische Kommission derzeit noch immer an einem neuen Vorschlag dafür, wie der Begriff „technisch hergestellte Nanomaterialien“ im Lebensmittelrecht zu definieren wäre und welche Stoffe damit kennzeichnungspflichtig wären.
 

Wie wird denn sichergestellt, dass neue Nano-Zutaten auch wirklich gekennzeichnet werden?

Alle Zusatzstoffe, also auch nanoskalige Zusatzstoffe, benötigen eine Zulassung. Aber auch andere nanoskalige Zutaten dürfen nicht einfach eingesetzt werden. Lebensmittelhersteller, die neue, bisher nicht übliche Zutaten mit neuen Eigenschaften verwenden – und dazu würden Nano-Zutaten gehören – müssen ihre Produkte als „neuartige Lebensmittel“ (Novel Food) von der Europäischen Kommission genehmigen lassen. Zu den Zulassungsverfahren gehört eine ausführliche Sicherheitsbewertung. Nebeneffekt der Zulassungsverfahren ist, dass auf diesem Wege dann auch alle von dem neuen Zusatzstoff bzw. der neuartigen Zutat erfahren und die Lebensmittelüberwachung gezielt darauf achten kann, dass diese entsprechend gekennzeichnet werden. Die Verantwortung dafür liegt beim Hersteller, wir kontrollieren nur, ob er sich an die Regeln hält.

Derzeit verfügt die amtliche Überwachung jedoch noch nicht über die nötigen Methoden, um Nanomaterialien in komplexen Umgebungen, wie sie Lebensmittel nun mal sind, in Routineuntersuchungen messen und analysieren zu können. Die validierten Messmethoden und -strategien für die Charakterisierung und den Nachweis von Nanomaterialien in komplexen Medien werden derzeit noch erarbeitet. Bis dahin arbeiten wir mit systematischen und sinnvollen Abwandlungen bereits erprobter Methoden.
 

Welche Risiken bestehen bei Nano-Lebensmitteln?

Nach allem, was bisher bekannt ist, erwarten wir durch Nanopartikel in Lebensmitteln oder in ihren Herstellungsverfahren keine gesundheitlichen Risiken. Viele wissenschaftliche Erkenntnisse sprechen dafür, dass Nanopartikel in erster Linie dann gesundheitsschädliche Wirkung zeigen können, wenn sie über die Atemwege aufgenommen werden. Das wäre im Falle der Lebensmittel nicht zu erwarten. Für einen vorsorgenden Verbraucherschutz ist dennoch eine Risikobewertung für jeden einzelnen Stoff notwendig. Daher hoffe ich, dass die neue Definition für technisch hergestelltes Nanomaterial in Lebensmitteln nicht zu eng gefasst wird. Denn nur solche Produkte fallen unter die Zulassungspflicht und die damit verbundene Risikobewertung, die von dieser Definition erfasst werden.
 

Welche Stoffe würden Sie im Rahmen der Überwachung besonders unter die Lupe nehmen?

Aus meiner Sicht könnten vor allem Siliciumdioxid, Titandioxid und Silber aber auch neuartige „Kapseln“ und „Carrier“ zukünftig als technisch hergestelltes Nanomaterial in Lebensmitteln eingesetzt werden.

Vielen Dank für das Gespräch.
 

(Dezember 2014)

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