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Interview: „Beim Schutz vor gefährlichen Substanzen ist die EU ambitioniert.”

Andreas Köhler ist Experte beim Freiburger Öko-Institut für die Bewertung von Risiken sogenannter „engineerter Nanomaterialien (ENM)“. Er arbeitet am EU-Projekt „NanoRigo“ mit, einem von drei parallelen Forschungsvorhaben, die Governance-Regeln für den Umgang mit diesen Materialien suchen, um Gefahren für Verbraucher zu minimieren. (Governance = gemeinschaftliche Steuerung, Regelung und Kontrolle unter Einbeziehung der beteiligten Akteure, z. B. staatliche und nicht-staatliche Organisationen - Anm. d. Red.). Im Interview betrachtet er den Hype um die Nanotechnologie eher nüchtern, betont die Verantwortung der Industrie – aber schreibt auch Verbrauchern ins Stammbuch, dass sie ihr Verhalten überdenken sollten: Von ihnen fordert Köhler „Weiterbildung und Aufmerksamkeit“.

Die wissenschaftlich-technischen Zukunftsperspektiven der Nanotechnologie sind vielversprechend: Wird ob der Begeisterung darüber der Sicherheitsaspekt nicht aber oft vernachlässigt?

Andreas Köhler (AK): Wissenschaftlich-technische Zukunftsperspektiven sind zwar faszinierend, aber hinsichtlich der Ausschöpfung dieser Potenziale in reellen Produkten haben sich die hochtrabenden Erwartungen bisher offensichtlich nicht erfüllt. Der seit etwa 15 Jahren andauernde Hype um engineerte Nanomaterialien (ENM), also solche, die für technische Anwendungszwecke speziell hergestellt werden – im Gegensatz zu natürlichen Nanomaterialien (etwa Vulkanaerosole) oder als Nebenprodukt entstehende (Dieselruß, Schweißerei-Rauch) – hat meines Erachtens bisher kaum wirklich innovative neue Produkte hervorgebracht.

Insofern geht es der Produktentwicklung ähnlich wie der Risikoforschung: Es dauert länger als gedacht.

Nanotechnologie war meines Erachtens sogar eines der Beispiele, wo die Risikoforschung ziemlich früh im Forschungsprozess eingesetzt hat und die Sicherheitsaspekte von ENM wurden frühzeitig thematisiert. Ich selbst war schon etwa 2004 damit befasst.
Aber Sie liegen richtig: Es müsste natürlich mehr in die Sicherheitsbewertung investiert werden. Im Vergleich zur Materialforschung ist die Mittelausstattung für die Risikobegleitforschung marginal. Aber immerhin in diesem Fall nicht gleich Null gewesen.
 

Dr. Andreas Köhler arbeitet als Senior Researcher beim Öko-Institut in Freiburg und ist Experte für die Bewertung von Risiken sogenannter „engineerter Nanomaterialien (ENM)“. (Foto: Öko-Institut)
Die Risikoforschung hetzt wie beim berühmten „Hase und Igel“-Wettlauf immer einen Schritt hinterher: Gelingt ihr die Aufholjagd, kann sie das Rennen gewinnen?


A.K.: Beim Thema Nanotechnologie war wie gesagt die Risikobegleitforschung seit mindestens 2003 ein Thema. Allerdings ist es logischerweise so, dass man die Risikofaktoren (das meint: das Gefahrenpotenzial der ENM) sowie die Exposition der Menschen und der Umwelt gegenüber ENM erst dann abschätzen kann, wenn hinreichend Daten dazu bereitstehen.
Das braucht sehr viel Zeit und dauert. Im Fall Nanotechnologie könnte man sogar sagen, dass nach 15 Jahren Risikobegleitforschung eine enorme Datenmenge angehäuft wurde, aber es nach wie vor extrem schwierig ist, daraus Schlussfolgerungen zur Sicherheit der verschiedenen ENM abzuleiten, zumal sich jeder ENM-Typ eigentlich nur individuell beurteilen lässt. Deshalb brauchen wir eine konsequente Anwendung des Vorsorgeprinzips: Eine angemessene Regulierung der Risiken der Nanotechnologie (aber kein Verbot) muss auch dann schon greifen, wenn die wissenschaftliche Evidenz über das Gefahrenpotenzial noch unzureichend ist. Das Prinzip muss lauten: „better safe than sorry“.
 

Ist durch die schnelle Entwicklung der Nanotechnologie die Verbrauchersicherheit überhaupt zu gewährleisten?


A.K.: Wie gesagt, eine „schnelle Entwicklung der Nanotechnologie“ sehe ich eigentlich nicht. Kaum eines dieser Hype-Szenarien aus beispielsweise dem Jahr 2005 zur Proliferation (schnelles, unkontrolliertes Wachstum - Anm. d. Red.) der Nanotechnologie hat sich in der Praxis bestätigt. Man ist immer noch bei der ersten Generation der ENM (im Grunde einfach nur Pulver oder Suspensionen mit Partikeln im 1 bis 100 Nanometer Größenbereich oder etwas größer (was dann laut Definition schon gar keine Nanotechnologie mehr wäre)).

Trotzdem ist die Verbrauchersicherheit der real existierenden Produkte kritisch zu bewerten. In Frankreich wurde 2019 die Nutzung von Nano-Titandioxid als Food-Additiv nach der Anwendung des Vorsorgeprinzips verboten. In Deutschland hat sich da nichts getan und das Bundesumweltministerium verhält sich nach meiner Auffassung in der Angelegenheit zu passiv.
Andererseits haben offensichtlich viele Firmen aus Sorge vor Risiken der ENM und des daraus resultierenden Haftungsrisikos auf die Markteinführung konkreter Nano-Produkte verzichtet. Es gab beispielsweise die Idee, Reifen mit Carbon-Nanotubes auszustatten, um sie so langlebiger zu machen. Davon ist meines Wissens jetzt nicht mehr die Rede.
 

Worin liegen aus Ihrer Sicht die wirklichen Knackpunkte für die Anwendersicherheit?


A.K.: Erstens die Ungewissheit über das Gefahrenpotenzial der ENM: Trotz umfangreicher Tests kann man das bisher nur in Einzelfällen bewerten, aber eine Gesamtaussage ist bisher nicht möglich.
Zweitens kennt man die mögliche Exposition nicht genau, weil man nicht weiß, in welchen Produkten ENM drin sind und in welcher Form (nicht alle Formen der Anwendung führen zu einer relevanten Exposition). Die EU-Kommission und natürlich die Industrie wehren sich gegen eine Kennzeichnung ENM-haltiger Produkte und auch gegen ein öffentliches Register über ENM-haltige Produkte. So etwas gibt es in Dänemark und Frankreich, aber nicht in Deutschland…
 

Sie forschen in einem Governance-Projekt nach Regeln, wie Nanotechnologie angewendet werden kann und sollte, damit niemand zu Schaden kommt. Wer sind deren Adressaten: Wissenschaftler, Unternehmer oder Politiker?


A.K.: Alle, auch Anwender, Citizens, Versicherungen, Rückversicherer, Medien, …
Ich halte ENM-haltige Produkte nicht a priori für unsicher oder gesundheitsschädlich. Erstens sind nicht alle ENM in ihrem Gefahrenpotenzial gleich zu bewerten, andererseits sind fest in die Materialmatrix eingebundene ENM nicht expositionsrelevant. Bei Recycling und Entsorgung kann das aber anders aussehen. Insbesondere die öko-toxikologischen Auswirkungen auf die Umwelt sind bisher fast gar nicht bewertbar.
 

Die EU lässt Governance-Regeln von gleich drei Konsortien aufstellen: Zeigt dies nicht auch, dass beim Thema Nano vielleicht (zu) viele Köche den Brei verderben?


A.K.: Das EU-Projekt heißt „NanoRigo“, das meint: Nanotechnologie Risk Governance. Parallel dazu gibt es momentan noch „Gov4Nano“ und „Riskgone“, die das gleiche Ziel verfolgen. In der Vergangenheit gab es schon ein Dutzend solcher EU-Projekte, z. B. „NanoReg 1 und 2“.

Die jetzige Aufgabe ist es, die Ergebnisse der Vorläuferprojekte zusammenzufassen und in eine praktisch umsetzbare Governance-Struktur für Nano-Risiken einzubauen. Wenn Sie sich fragen, warum es dafür drei gleich gelagerte Projekte braucht, fragen Sie die EU-Kommission. Und wenn Sie sich fragen, warum es überhaupt eine spezielle Governance-Struktur für Nano-Risiken braucht, wo doch in der EU die Chemikaliensicherheit unter REACH geregelt ist und von der rechtlich legitimierten Behörde ECHA implementiert wird, fragen Sie die EU-Kommission.

Warum es drei solcher Projekte braucht, weiß ich wirklich nicht. Eher ist die Frage zu stellen, warum nicht die eigentlich zuständigen und dafür im EU-Recht legitimierten Stellen (die EU-Kommission) die regulatorische Initiative ergreifen und stattdessen von Governance reden. Governance ist keine Regulierung, weil es unverbindlich ist.
Alle am NanoRigo-Projekt beteiligten Partner sind hochkarätige und lösungsorientierte Experten in ihren jeweiligen Fachgebieten. Bei einem solchen interdisziplinären Thema braucht es eine breite Basis von beteiligten Experten und Stakeholdern. Um die Verbrauchersicht noch weiter zu stärken, soll ein „User-committee“ geschaffen werden, dazu suchen wir noch interessierte Personen aus der Zivilgesellschaft.
 

Ist eine solch vielschichtige Aufgabe auf EU-Ebene mit noch breiterer Interessenlage als in Nationalstaaten denn zu managen?

A.K.: Die EU-Kommission ist zuständig.
 

Brauchen wir für Governance-Regeln in der Nanotechnologie nicht breite, interdisziplinäre Ansätze oder reicht das Expertenwissen der Chemiker und Materialforscher aus?

A.K.: Interdisziplinäre Ansätze sind unabdingbar, deshalb diese breit aufgestellten Projekte.
 

Politiker setzen gerne auf freiwillige Selbstverpflichtungen. Können die im Feld der Nanotechnologie helfen?

A.K.: Teilweise kann das helfen, aber letztlich braucht es einen regulatorischen Rahmen. Auch die Industrie könnte von klaren Definitionen und Regeln profitieren, um das Haftungsrisiko zumindest handhabbar zu halten. Verbrauchende brauchen einen regulatorischen Rahmen für die Sicherheitsbewertung und gegebenenfalls Restriktion von ENM und deren Anwendungen.
 

Verbraucher sind bei Inhaltsstoffen von Produkten oft schon mit bisherigen, konventionellen Materialien überfordert. Wie können wir das ändern und wer trägt die Bringschuld?


A.K.: Die Industrie muss endlich Transparenz herstellen, welche Substanzen in Produkten drin sind (nicht nur ENM) und wenn nicht freiwillig, dann durch regulatorische Vorgaben. Die EU-Kommission trägt die Bringschuld hier einen verbindlichen und umsetzbaren Rechtsrahmen zu setzen. Governance ist zwar gut, aber nicht hinreichend, weil zu unverbindlich.

Natürlich könnten sich auch die Verbraucher einmal fragen, ob sie jeden neuen Schnickschnack unbedingt kaufen müssen oder vielleicht doch lieber weniger besitzen wollen oder existierende Produkte länger nutzen.

Verbraucher könnten sich auch für natürliche Materialien entscheiden statt hochverarbeitete Materialien und Produkte zu bevorzugen. Das erfordert aber auch ein bisschen Willen zur Weiterbildung und Aufmerksamkeit auf mögliche Probleme.
Die EU tut übrigens mit ihrer Gesetzgebung REACH, CLP und RoHS/ELV seit Jahren schon sehr viel für den Verbraucherschutz, ganz unbemerkt und hinter bürokratischen Vorgängen verborgen. In Punkto Schutz vor gefährlichen Substanzen ist die EU weltweit am ambitioniertesten: Das richtig giftige Zeug (z. B. Quecksilber, Cadmium, verschiedene Flammhemmer) unterliegt schon seit Jahren einer Restriktion – das sollte man wirklich mal so zum Ausdruck bringen!
 

Vielen Dank.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Das Nanoportal Baden-Württemberg macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
(April 2020)

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