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Interview: „Für Nanomaterialien gibt es spezielle Regelungen im EU-Kosmetikrecht“

Ob sie eingehalten werden, überprüfen die staatlichen Überwachungsämter. Das Ziel ist, Verbraucherinnen und Verbraucher vor Täuschung und gesundheitlichen Schäden zu schützen. In Baden-Württemberg ist das Chemische und Veterinär-untersuchungsamt (CVUA) in Karlsruhe die zentrale Untersuchungsstelle für Kosmetika. Hier nimmt Claudia Baumung als Sachverständige für kosmetische Mittel zusammen mit ihren Kolleginnen und Kollegen u. a. die verwendeten Nano-Rohstoffe, die Sicherheitsbewertungen der Hersteller und die Kennzeichnung der Produkte genau unter die Lupe. Im Interview gibt sie einen Einblick in ihre Arbeit und erläutert die Besonderheiten, die sich dabei im Hinblick auf Nanomaterialien ergeben.

Frau Baumung, was genau überprüfen Sie im Bereich Kosmetik und speziell im Zusammenhang mit Nanomaterialien?

Claudia Baumung: Wir am Untersuchungsamt sind Teil der Lebensmittelüberwachung. In unseren Laboren werden jährlich ca. 2100 Kosmetikprodukte, die beim Hersteller, im Handel in Baden-Württemberg oder über Internetshops erhältlich sind, chemisch untersucht und anschließend rechtlich beurteilt. Wird eine Abweichung vom EU-Kosmetikrecht festgestellt, wird ein Sachverständigengutachten erstellt.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Untersuchung von Produkten von Firmen, die ihren Sitz in Baden-Württemberg haben. Gemeinsam mit den zuständigen Behörden werden diese Betriebe auch regelmäßig kontrolliert. Im Rahmen dieser Kontrollen werden neben der Einhaltung von Hygienevorschriften in den Produktionsstätten auch Dokumentationen zu den Produkten wie Sicherheitsberichte oder Wirksamkeitsnachweise für ausgelobte Werbeversprechen überprüft.

Wir entwickeln ständig neue Analysenmethoden in unseren Laboren und sind als Sachverständige für kosmetische Mittel in verschiedenen nationalen und internationalen Fachgremien aktiv.

Für Nanomaterialien gibt es spezielle Regelungen im EU-Kosmetikrecht, die wir überprüfen. Neben der Kennzeichnungspflicht auf der Bestandteileliste des kosmetischen Mittels und der Meldepflicht im Notifizierungsportal der EU-Kommission (CPNP, Cosmetic Product Notification Portal) gibt es Anforderungen an Reinheit, Form und Zusammensetzung von zulassungspflichtigen Nanomaterialien, die die zuständigen Behörden im Rahmen von Betriebskontrollen bei Kosmetikherstellern vor Ort überprüfen.

Claudia Baumung
ist als Laborleiterin im Bereich Kosmetik des CVUA Karlsruhe tätig.
 
Sie ist Sachverständige für kosmetische Mittel und führt u. a. Betriebskontrollen bei Herstellern durch.
 
(Foto: privat)

Wer legt fest, welche Produkte untersucht werden und woher kommen die Proben?

Welche Produkte wir wann untersuchen, legen wir am Untersuchungsamt in einem Jahresplan fest. Unsere Probenplanung ist risikoorientiert. Das bedeutet, wir untersuchen nicht alle möglichen Bestandteile eines Produkts und wenden nicht jede Analysenmethode an jedem Produkt an. Wir untersuchen immer eine größere Serie an gleichartigen Produkten zur gleichen Zeit. Bei diesen sogenannten Probenprojekten konzentrieren wir uns auf ein oder zwei Untersuchungsziele pro Projekt. Proben eines Projekts werden dann mit derselben Analysenmethode untersucht. Dadurch lassen sich gut Gemeinsamkeiten, aber auch Abweichungen zwischen den Produkten feststellen.

Manche Projekte sind durch die Jahreszeiten festgelegt. So werden Faschingsschminken immer am Anfang des Jahres zum Beispiel auf ggf. verbotene oder nicht zugelassene Farbstoffe überprüft. Im Sommer werden Sonnenschutzmittel auf UV-Filter untersucht.

Wir beobachten auch laufend den Markt und prüfen, ob es neue Produkte gibt, bei denen Untersuchungen auf ihre Inhaltsstoffe oder Wirksamkeitsaussagen sinnvoll sind.

Die Probenpläne werden mit den Lebensmittelüberwachungsbehörden abgestimmt. Die an den Lebensmittelüberwachungsbehörden der Städte und Landkreise angestellten Lebensmittelkontrolleure ziehen dann los und besorgen durch amtliche Probenahme die kosmetischen Mittel. An diese gehen dann auch unsere Untersuchungsergebnisse und Gutachten zurück. Für Maßnahmen und Vollzug sind wiederum die Lebensmittelüberwachungsbehörden zuständig.

Wie sind Nanomaterialien im Kosmetik-Recht definiert und wo liegt der Unterschied zur vorgeschlagenen Definition der EU-Kommission?

Gemäß Art. 2 Abs. 1 Buchstabe k der VO (EG) Nr. 1223/2009 (Kosmetik-Verordnung) ist der Begriff „Nanomaterial“ definiert als: ein unlösliches oder biologisch beständiges und absichtlich hergestelltes Material mit einer oder mehreren äußeren Abmessungen oder einer inneren Struktur in einer Größenordnung von 1 bis 100 Nanometern.

Kriterien zur Feststellung, ob ein Stoff ein Nanomaterial gemäß EU-Kosmetikrecht ist oder nicht, sind Herkunft (unlösliches oder biologisch beständiges und absichtlich hergestelltes Material) und Größe (1 bis 100 Nanometern).

Dem gegenüber ist nach der Definition der Empfehlung der EU-Kommission vom Oktober 2011 ein „Nanomaterial“ ein natürliches, bei Prozessen anfallendes oder hergestelltes Material, das Partikel in ungebundenem Zustand, als Aggregat oder als Agglomerat enthält, und bei dem mindestens 50 % der Partikel in der Anzahlgrößenverteilung ein oder mehrere Außenmaße im Bereich von 1 nm bis 100 nm haben. Hier sind die Kriterien Größe (ebenfalls 1 – 100 nm) und Verteilung der Partikelgröße entscheidend. Herkunft spielt hier keine Rolle.

Somit stellen Herkunft und Größenverteilung die wesentlichen Unterschiede dar.
Herkunft: Wo im EU-Kosmetikrecht nur unlösliche oder biologisch beständige Materialien, die darüber hinaus auch noch absichtlich hergestellt wurden, ein Nanomaterial nach Definition darstellen, gehören bei der Definition der Kommission Materialien jeglicher Herkunft dazu - nämlich natürliches, bei Prozessen anfallendes (Anwesenheit nicht beabsichtigt) oder hergestelltes Material (Anwesenheit beabsichtigt).
Zum Beispiel wären nach der Empfehlung der EU-Kommission die Fetttröpfchen einer Emulsion mit Abmessungen unter 100 nm (wie es in Emulsionen üblich ist) ein Nanomaterial.

Partikelgrößenverteilung: In der Definition der Empfehlung müssen mindestens 50 % eines Materials kleiner als 100 Nanometer sein, damit es ein Nanomaterial darstellt. Nach der Definition im EU-Kosmetikrecht wäre jedes Material, das nur ein einziges Partikel unter 100 nm enthält, ein Nanomaterial (auch wenn alle anderen, also über 99 % aller Partikel, größer sind als 100 nm).

Welche Schwierigkeiten können sich aus den unterschiedlichen Definitionen ergeben?

Es ist generell schwierig, wenn mit einem Begriff unterschiedliche Dinge gemeint sind. Wie sollen Verbraucher verstehen, dass ein Nanomaterial in einem kosmetischen Mittel etwas Anderes sein kann als in einem Lebensmittel (die Definition im Lebensmittelrecht unterscheidet sich wieder von den beiden bereits genannten) oder sonst einem anderen Produkt. Für uns in der Lebensmittelüberwachung ist dies auch ein Problem, da wir unsere Analysenmethoden nach den Definitionen ausrichten müssen. Wenn die Definitionen voneinander abweichen, haben wir für kosmetische Mittel andere Anforderungen an die Analytik als für Lebensmittel. Das ist zum einen aufwendig, zum anderen nicht sinnvoll.

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