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Interview: „Für Nanomaterialien gibt es spezielle Regelungen im EU-Kosmetikrecht“

Seite 2/2: „Am häufigsten werden UV-Filter in Nanoform eingesetzt“

Welche Nanomaterialien werden überhaupt in Kosmetik eingesetzt, welche davon häufiger und mit welcher Funktion?

Etwa 1,5 Prozent aller in der EU auf dem Markt bereitgestellten kosmetischen Mittel enthalten Nanomaterialien. Die am häufigsten eingesetzten Nanomaterialien sind laut einer Veröffentlichung eines Berichts der EU-Kommission Titandioxid (in Nanoform), verschiedene Silica-Verbindungen (z. B. Siliciumdioxid in Nanoform) und schwarzer Kohlenstoff (Carbon black in Nanoform).

Titandioxid als Nanomaterial hat die Funktion eines UV-Filters und wird in Sonnenschutzmitteln oder Tagespflegeprodukten (Gesicht)/Make up mit Lichtfiltern verwendet. Silica-Verbindungen haben verschiedene Funktionen: sie können Emulsionen stabilisieren, Verklumpung des Produkts oder Schaumbildung verringern, haben einen Einfluss auf die Viskosität des Produkts oder können hautpflegend wirkend. Carbon black (unabhängig von der Form, also ob nano oder nicht nano) wird als schwarzer Farbstoff vor allen in dekorativer Kosmetik eingesetzt.

Daneben haben die meisten Nanomaterialien die Funktion als UV-Filter und können als Alternative oder zusätzlich zu Nano-Titandioxid eingesetzt werden. Diese sind: Methylene Bis-Benzotriazolyl Tetramethylbutylphenol (MBBT, Nano), Tris-biphenyl triazine (TBPT, Nano) und Zinkoxid (Nano).

In welchen Produkten bzw. Produktgruppen müssen Verbraucher am ehesten damit rechnen, auf Nanomaterialien zu stoßen?

Am häufigsten sind die eben genannten UV-Filter in Sonnenschutzmitteln oder Tagespflege für Gesicht/Make up mit Lichtfiltern zu finden. Dabei ist es egal, ob das Sonnenschutzmittel eine Lotion, Creme, ein Pumpspray oder eine Lippenpflege ist. In Sprays ist der Einsatz von Nanomaterialien verboten.

Bei Tagespflegeprodukten für Gesicht und Dekolletee sowie bei getönten Gesichtspflegeprodukten aller Art (BB-Creme, Grundierung, Foundation, Flüssig-Make up) ist es üblich, zum Schutz der Haut vor UV-Strahlen einen leichten Lichtschutz (Faktor 5 bis 15) einzubringen. In diesen Produkten können ebenfalls Nano-Lichtfilter enthalten sein. Ansonsten kann man noch den Farbstoff Carbon black (Nano) in schwarzer, dekorativer Kosmetik finden (schwarze Mascara, Eyliner, Lidschatten, Nagellacke, Lippenstifte).

Sind die in Kosmetik verwendeten Nanomaterialien sicher oder gibt es Stoffe, bei denen es Hinweise auf gesundheitliche Risiken für den Verbraucher gibt?

Alle auf dem europäischen Markt bereitgestellten kosmetischen Mittel müssen sicher für die menschliche Gesundheit sein. Nach EU-Kosmetikrecht ist die verantwortliche Person der kosmetischen Mittel verpflichtet, dies auch zu belegen. Die verantwortliche Person kann der Hersteller sein, aber auch der Importeur, wenn Produkte aus Drittstaaten importiert werden, oder der Händler. Diese verantwortliche Person muss die Sicherheit des kosmetischen Mittels anhand eines Sicherheitsberichts nachweisen. Dabei handelt es sich um ein ausführliches Dokument, in dem alle einzelnen Inhaltsstoffe toxikologisch bewertet und als sicher beurteilt sein müssen.

Alle kosmetischen Mittel, die auf dem europäischen Markt bereitgestellt werden, müssen 6 Monate vor dem Inverkehrbringen über das Notifizierungsportal bei der EU-Kommission angemeldet werden (CPNP). Bei dieser Anmeldung muss die Verwendung von Nanomaterialien explizit mitgeteilt werden und an weiterer Stelle müssen die eingesetzten Nanomaterialien ausführlich beschrieben werden (chemische Eigenschaften etc.). Die EU-Kommission kann bei Bedenken bezüglich der Sicherheit dieser verwendeten Materialien den wissenschaftlichen Ausschuss der EU-Kommission (SCCS: Scientific Committee on Consumer Safety) bitten, eine Stellungnahme abzugeben. Dies wurde in der Vergangenheit bei vielen Nanomaterialien gemacht. Bei einigen konnte die Sicherheit durch das SCCS nicht ausreichend als sicher beurteilt werden. Oft fehlten wichtige Daten für die Bewertung.

Aktuell stehen einige Nanomaterialien auf dem Prüfstand (z. B. Silica (nano)). Die Industrie hat dann die Möglichkeit, fehlende Daten nachzureichen, um die Verwendung „ihres Stoffs“ in kosmetischen Mitteln zu verteidigen. Kann die Kosmetikindustrie diese Daten nicht bis nach Ablauf der Frist liefern oder genügen diese wieder nicht, um die Sicherheit zu bestätigen, ist es sehr wahrscheinlich, dass der entsprechende Stoff auf der Verbotsliste für kosmetische Mittel landen wird. Dann darf dieser nicht mehr in kosmetischen Mitteln enthalten sein. Die Regelung der Notifizierung gilt nicht für die zulassungspflichtigen Stoffe wie UV-Filter, Konservierungsstoffe und Farbstoffe. Hier wird die Sicherheit der Stoffe - auch in der Nano Form - vor der Zulassung geprüft.

Wie wird die Sicherheit der Materialien überprüft? Welche Stellen nehmen Sicherheitsbewertungen vor, aus welchem Anlass und auf welcher gesetzlichen Grundlage?

Werden Nanomaterialien in kosmetischen Mitteln als UV-Filter, Konservierungsstoffe oder Farbstoffe eingesetzt, müssen sie - wie alle anderen („nicht nano“-) Materialien auch - für diese Zwecke zugelassen werden. Im Rahmen des Zulassungsverfahrens werden diese Stoffe dann auf ihre Sicherheit hin geprüft. Eine Zulassung erfolgt nur dann, wenn der Stoff auch sicher ist.

Nanomaterialien, die für andere Zwecke in kosmetischen Mitteln eingesetzt werden, müssen nicht zugelassen, aber die Verwendung muss wie beschrieben der EU-Kommission gemeldet werden. Rechtsgrundlage hierfür ist Art. 16 der Kosmetik-VO (EG) Nr. 1223/2009. Hat die EU-Kommission Bedenken bezüglich der Sicherheit eines nach Art. 16 notifizierten Nanomaterials, kann sie den wissenschaftlichen Ausschuss der EU-Kommission SCCS auffordern, die Sicherheit in einer Stellungnahme zu bewerten. Rechtsgrundlage hierfür ist ebenfalls die Kosmetik-Verordnung (Art. 16 Abs. 4 der VO (EG) Nr. 1223/2009). Darüber hinaus müssen alle Inhaltsstoffe eines kosmetischen Mittels sowie das Endprodukt im Sicherheitsbericht als sicher bewertet worden sein. Rechtsgrundlage hierfür ist Art. 10 in Verbindung mit Anhang I der VO (EG) Nr. 1223/2009.

Zusammen mit den Kollegen und Kolleginnen der Lebensmittelüberwachungsbehörden überprüfen die Sachverständigen des CVUA meist im Rahmen von Betriebskontrollen von Kosmetikunternehmen Dokumente zur Sicherheit von kosmetischen Mitteln. Bezüglich Nanomaterialien wären das zum einen der bereits erwähnte Sicherheitsbericht, aber auch Spezifikationen zu Nano-Rohstoffen. Hier wird überprüft, ob zum Beispiel die verwendeten zugelassenen Nano-UV-Filter den durch EU-Verordnungen festgelegten Anforderungen an Zusammensetzung und Reinheit entsprechen.

Wie erkenne ich als Verbraucher, ob Kosmetik Nanomaterialien enthält? Kann ich mich auf die Kennzeichnung verlassen?

Nach Art. 19 Abs. 1 Buchstabe g müssen alle Inhaltsstoffe eines kosmetischen Mittels in der Liste der Bestandteile (trägt die Überschrift „Ingredients“) aufgeführt sein. Nanomaterialien sind mit dem Wort „nano“ in Klammern am Ende des entsprechenden Bestandteils zu kennzeichnen. Nano-Titandioxid würde als Titanium Dioxide (nano) aufgeführt werden. Die Hersteller sind verpflichtet, dies korrekt anzugeben. Dadurch werden Verbraucher über den Einsatz von Nanomaterialen informiert.

Gibt es auch Fälle, bei denen Inhaltsstoffe herstellungsbedingt Anteile an Nanomaterialien enthalten, diese aber nach der Kosmetikdefinition nicht als solche gelten und demzufolge auch nicht deklariert werden müssen?

Ein Nanomaterial muss nur dann als solches gekennzeichnet werden, wenn es der Definition für Nanomaterial (Art. 2 Abs. 1 Bst. F der VO (EG) Nr. 1223/2009) entspricht. Nicht gekennzeichnet werden müssten zum Beispiel lösliche Stoffe, die kleiner als 100 nm sind (Lipidtröpfchen aus der Emulsion). Aufgrund ihrer Löslichkeit fallen sie nicht unter den Begriff Nanomaterial und müssen somit auch nicht gekennzeichnet werden. Ebenso würde es sich für einen unlöslichen Stoff darstellen, dessen Partikel zwar kleiner als 100 nm sind, die jedoch nicht absichtlich (als Nano) hergestellt wurden, sondern unbeabsichtigt im Herstellungsprozess angefallen sind. Die unbeabsichtigte Anwesenheit solcher Stoffe wird nicht vom Begriff Nanomaterial erfasst und ist somit nicht kennzeichnungspflichtig.

Frau Baumung, vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.



Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Das Nanoportal Baden-Württemberg macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
 
(November 2021)


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