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Dialog schafft Vertrauen

Als bislang einziges Bundesland sieht Baden-Württemberg das Thema Nanotechnologien konsequent mit den Augen der Verbraucherinnen und Verbraucher. Das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz (MLR) hat früh begonnen, die wichtigsten Akteure des zukunftsträchtigen Technologiefeldes an einen Tisch zu bringen. Im Dezember 2013 erläuterte Ministerialdirektor Wolfgang Reimer die engagierte Politik seines Hauses.
 

Das MLR führt seit mehreren Jahren den so genannten Nano-Dialog Baden-Württemberg. Was ist das Ziel dieser Aktivitäten und welche Erkenntnisse haben Sie dadurch gewonnen?

Die Landesregierung hat sich dem Dialog mit der Bürgerschaft verpflichtet. Der Nano-Dialog ist ein solches Beteiligungsangebot an die Bürgerinnen und Bürger. Der Nano-Dialog ist auch Netzwerk. Wir wollen, dass alle Akteure der Nanotechnologien miteinander ins Gespräch kommen. Nur, wenn Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung und Verbände miteinander sprechen, kann eine sachliche, verbraucherfreundliche Kommunikation über die Nutzen und möglichen Risiken der Nanotechnologien entstehen. Experten bestätigen immer wieder, dass dies die Voraussetzung dafür ist, dass Verbraucherinnen und Verbraucher den Technologien, ihren Anwendungen und nicht zuletzt der Wirtschaft und den Behörden ihr Vertrauen schenken. Als einziges Bundesland sieht Baden-Württemberg daher das Thema Nanotechnologien konsequent durch die Brille der Verbraucherinnen und Verbraucher und hat bereits im Jahr 2009 den Nano-Dialog Baden-Württemberg ins Leben gerufen. Das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz führt Expertengespräche durch, gibt wissenschaftliche Studien zur Nano-Verbraucherkommunikation in Auftrag und hat einen Verbraucherkongress durchgeführt, der den direkten Kontakt zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern hergestellt hat. Zentrales Element des Nano-Dialogs Baden-Württemberg ist das Nanoportal Baden-Württemberg (www.nanoportal-bw.de).
 

Wolfgang Reimer war von 2011 bis 2016 bis Ministerialdirektor im Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz und ist seither Regierungspräsident im Regierungsbezirk Stuttgart. Bild: MLR
Seit dem 11.7.2013 müssen Nanomaterialien in Kosmetika gekennzeichnet werden. Was haben Verbraucherinnen und Verbraucher davon?

Zunächst einmal erhalten sie Transparenz über die Inhaltsstoffe des Produktes. In der Zutatenliste können sie erkennen, ob und welche Nanopartikel eingesetzt wurden und dies bei ihrer Kaufentscheidung berücksichtigen. Das ist ein guter Anfang, aber für echte Wahlfreiheit bräuchte es noch mehr. Die Verbraucherinnen und Verbraucher suchen nach unabhängigen Informationen, wo welche Nanomaterialien eingesetzt werden, welche Funktionen sie haben und was die Risikoforschung dazu sagt. Eine für alle zugängliche Produktdatenbank im Internet könnte das bieten.
 

Was genau müssen sich Verbraucherinnen und Verbraucher unter einer Nano-Produktdatenbank vorstellen?

Das MLR setzt sich schon lange für eine Datenbank ein, in der alle Produkte aufgeführt sind, die Nanomaterialien enthalten und in der EU hergestellt oder vertrieben werden. Dabei befürworten wir einen zweistufigen Aufbau: Im allgemein zugänglichen Teil sollten Verbraucherinnen und Verbraucher für Kosmetika und alle anderen Alltagsprodukte erfahren können, welche Nanomaterialien sie zu welchem Zweck enthalten und welche wissenschaftlichen Bewertungen dazu vorliegen. Ein geschlossener Teil würde den Behörden der Risikoforschung und Überwachung Zugang zu weiteren Details erlauben. Dazu gehören beispielsweise genaue Spezifikation der eingesetzten Nanoteilchen, unternehmenseigene Studien und Forschungsergebnisse und Angaben über die eingesetzten Mengen. Auf diese Weise erhielten Verbraucherinnen und Verbraucher Basisinformationen, um zu einer eignen Meinung zu kommen, die Überwachungsbehörden könnten Expositionen und Risiken abschätzen, und die Betriebsgeheimnisse der Unternehmen blieben gewahrt. Inzwischen hat sich auch der Bundesrat mit Unterstützung aus Baden-Württemberg für ein EU-Nano-Produktregister ausgesprochen.

(Anmerkung: Mehr über den aktuellen Stand zu den verschiedenen europäischen Nano-Produktregistern erfahren Sie hier.)
 

Wo sehen Sie Chancen der Nanotechnologien im Konsumbereich? Wo Risiken?

Wenn Medikamente mit Hilfe von Nanotransportern gezielt in die erkrankten Gewebe transportiert werden könnten, würde sich ihre Wirksamkeit erhöhen. Die Belastung der Abwässer mit ungenutzt ausgeschiedenen Medikamenten ließe sich so verringern. Selbstleuchtende Dioden könnten beim Energiesparen helfen, stabile und sehr leichte Kunststoffe aus Nanofasern im Auto- und Flugzeugbau eine Menge Treibstoff sparen. Prothesen, die vom Körper nicht abgestoßen werden, ersparen den Patienten eine Menge zusätzlicher Medikamente. Nanotechnologien bieten die Chance, Ressourcen zu schonen und die Lebensqualität der Menschen zu verbessern. Andererseits gibt es bisher noch verhältnismäßig wenig belastbares Datenmaterial aus der Risikoforschung. Unter welchen Umständen könnten Nanoteilchen die Blut-Hirn-Schranke überwinden? Was passiert mit Nanoteilchen, die ins Wasser ausgeschwemmt werden? Was tun Nanopartikel im Organismus, die beispielsweise aus Sonnencremes in verletzte Haut gelangt sind? Im Moment fehlt es schlicht an aussagekräftigen, vergleichbaren Untersuchungen, um diese und viele andere Fragen beantworten zu können. Umso wichtiger ist es daher aus meiner Sicht, die Bedenken von Verbraucherinnen und Verbrauchern sehr ernst zu nehmen und auch vorausschauend Schutzmaßnahmen zu ergreifen.
 

Wie geht es weiter? Was planen Sie für die nähere Zukunft?

Das MLR setzt auch weiterhin auf Dialog und sachliche Kommunikation. Daher werden wir die Expertengespräche fortführen. Auch das Nanoportal BW wird weiterentwickelt, die Nutzer finden dort neben Hintergrundinformationen zum Beispiel auch anschauliche Bildreportagen aus Unternehmen, die mit Nanomaterialien arbeiten. Auf der politischen Ebene werden wir weiterhin für Transparenz und Wahlfreiheit in Sachen Nanotechnologien werben und uns für eine europaweite Nano-Produktdatenbank einsetzen.

Außerdem werden wir uns in einem Forschungsprojekt einen Überblick verschaffen, welche "Nanoprodukte" tatsächlich auf dem Markt sind. Wir wollen wissen, was die baden-württembergischen Verbraucherinnen und Verbraucher vor Ort kaufen können, ob sie sich bewusst oder unbewusst für ein Nanoprodukt entscheiden, und ob sie die Kennzeichnung auch verstehen. In dem Projekt werden wir mit verschiedenen Partnern kooperieren.

(Anmerkung: Die Untersuchungen für die "Marktübersicht für kosmetische Produkte mit Nanotechnologien in Baden-Württemberg" wurden im Jahr 2015 durchgeführt. Die Ergebnisse finden Sie hier.)
 

 
Mehr über den Nano-Dialog Baden-Württemberg, den Verbraucherkongress "Kleine Teilchen - große Fragen!" und die Marktübersicht Kosmetik finden Sie in unserer Rubrik Nano-Dialog.


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