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INSPIRE - Bürgerdialog zu Nanoinnovationen

Am 28. November 2014 waren in Stuttgart die Bürger gefragt: Der „INSPIRE – Bürgerdialog zu Nanoinnovation“ brachte Baden-Württemberger Bürger mit Praktikern zusammen, die in der Region an Nanoinnovationen arbeiten. Nach einer kleinen Einführung in das Thema Nanotechnologien und einem Überblick über verschiedene Nanoinnovationen konnten sie sich selbst ein Bild davon machen, was diese Neuerungen für eine nachhaltige Zukunft leisten könnten. Im moderierten Dialog mit Forschern und Unternehmern brachten sie ihre Ideen und Anregungen ein und diskutieren darüber, welche Anwendungsfelder möglich und wünschenswert wären. Darüber hinaus diskutierten die Teilnehmer die Frage, wie der Nano-Dialog Baden-Württemberg stärker in die Öffentlichkeit wirken könnte.

Zur Begrüßung

Was sind Nanotechnologien? Wie groß ist ein Nanoteilchen? Was ist das Besondere an Nanomaterialien? Sind sie die Antwort auf die technischen Herausforderungen unserer Zeit? Und warum ist es gut, wenn Verbraucherinnen und Verbraucher, Bürgerinnen und Bürger darüber nachdenken? Kurze Vorträge zu diesen Themen stimmten die interessierten Besucherinnen und Besucher im Stuttgarter Ministeriumsneubau auf einen anregenden Nachmittag ein.

In Gesprächen weiterkommen

Nach dieser facettenreichen Einführung präsentierten drei Unternehmen bzw. Forschungseinrichtungen aus der Region konkrete Nano-Innovationen und –Produkte. In moderierten Dialogstationen konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sich über funktionale Nanopartikel informieren, mit denen Impfstoffe über die Haut verabreicht werden könnten, sahen, wie nanostrukturierte Dämmmaterialien eine effizientere Wärmedämmung ermöglichen und konnten sich ein Bild davon machen, wie Nanomaterialien (technische) Textilien schmutz- und wasserabweisend sowie feuer- und hitzefest machen können. In angeregten Gesprächen diskutierten sie Ideen und Anregungen, wie und wo diese Innovationen auf den Markt gebracht werden könnten und welche Informationen sich Verbraucherinnen und Verbraucher dabei wünschen würden.

... über Medizin
Dr. Renate Spohn von der EMC microcollections GmbH stellte ein Forschungsprojekt zur „Topischen Vakazinierung mittels funktionaler Nanopartikel“ vor. Dabei geht es, kurz gesagt, ums „Impfen ohne Nadel“. Das heute übliche Impfen durch eine Injektion ist nicht nur schmerzhaft. In Ländern, in denen Spritzen mehrfach verwendet werden, birgt es auch Risiken für weitere Infektionen. Die medizinischen Abfälle (Spritzen, Pflaster, Reste der Impfstoffe usw.) sollten stets fachkundig entsorgt werden – auch das ist längst nicht immer der Fall. Einfacher und risikoärmer wäre es, wenn der Impfstoff direkt durch Auftragen auf die Haut verabreicht werden könnte. Dafür sollen nanoskalige Partikel mit den Impfstoff-Komponenten beladen werden. Diese Partikel sind in der Lage, über die Haarfollikel in die Haut und so in die Blutbahn zu gelangen. Der Ansatz, auf diese Weise die Impfverfahren weltweit zu verbessern, ist vielversprechend. Um in der Praxis anzukommen, muss das Verfahren allerdings noch optimiert werden und verschiedene Studien und Zulassungsverfahren durchlaufen.

Dr. Renate Spohn. Foto: Dialog Basis

In der Diskussion regten die Teilnehmer unter anderem an, den gesellschaftlichen Nutzen dieser Nano-Anwendung (Hygiene, einfache Anwendung) stärker hervorzuheben und das Verfahren auch für Kosmetika zu denken. Zugleich wünschten sie sich begleitende Informationen, die auch Laien das Prinzip verständlich erläutern.


... übers Dämmen
Dr. Roland Caps von der va-Q-tec AG hatte ein Beispiel für Energie- und Ressourceneffizienz mitgebracht: Seine Firma entwickelt sehr dünne, hocheffiziente Aerogele und Vakuumisolationspanele, die zur platzsparenden Wärmedämmung von Gebäuden verwendet werden können. Wo gesetzliche Vorschriften zur energetischen Sanierung umgesetzt würden, bestehe stets ein Platzproblem: Wird, beispielsweise bei Gebäuden mit historisch wertvoller Fassade, von innen gedämmt, geht Nutzfläche verloren. Außen bestimmten Grundstücksgrenzen, Gehwege und andere Faktoren den Platz ebenfalls. Dr. Caps führte aus, dass man die Wärmeleitfähigkeit der Dämmstoffe vermindern müsse, um ihre Dämmleistung zu erhöhen bzw. den Platzbedarf zu verringern – kurz gesagt: Die Luft muss raus. va-Q-tec erreicht dies durch Kombination zweier Verfahren. In dünnen, mikroporösen Materialien aus Aerogelen oder pyrogener Kieselsäure ist die freue Bewegung der Luftmoleküle begrenzt. Zusätzlich wird die Luft aus dem Dämmkörper entfernt, die Wärme kann also nicht mehr über die Luft weitergeleitet werden.

Dr. Roland Caps. Foto: Dialog Basis

Solche Vakuumisolationspaneele sind nur 2 cm dick, sehr langlebig und hocheffizient. Überall dort, wo der Platz wertvoll ist, lohne sich ihre im Vergleich mit konventionellen Dämmstoffen teurere Anschaffung. Die interessierten Zuhörer schlugen vor, diese Paneele in denkmalgeschützten Gebäuden von innen einzusetzen und sie beispielgebend in öffentlichen Gebäuden zu verwenden. Sie regten zudem an, neben dem Schutz vor Wärmeverlust auch das sommerliche Aufheizen von Gebäuden in den Fokus zu nehmen, zusammen mit Architekten und Designern an einer Weiterentwicklung der Vakuumisolationsaneele zu arbeiten und auch privaten „Häuslebauern“ die Möglichkeiten und Mechanismen der schlanken Wärmedämmung verständlich und zielführend zu vermitteln.


... über Textilien
Im Namen des ITV Denkendorf stellte Dr. Volkmar von Arnim einige nano-funktionalisierte Textilien vor. Dabei erläuterte er zunächst, dass dieses Anwendungsfeld weit über (Schutz-) Bekleidung hinausreicht: Technische Textilien werden auch in der Landwirtschaft, in Gebäuden, medizinischen Anwendungen sowie der Automobilindustrie eingesetzt. Mit Hilfe der Nanotechnologien können heute bereits Schmutz- und wasserabweisende Eigenschaften (Lotus-Effekt), energieersparende und effektive Filtrationen sowie umweltfreundliche Flammschutzbeschichtungen erreicht werden. Dr. von Arnim stellte darüber hinaus die Idee der textile Materialien mit „Gecko-Effekt“ vor. Für diese visionären Idee versuchen Forscher, die feinstrukturierten faserartigen, Nanometer-kleinen Strukturen, dem Gecko sicheren Tritt an Wänden und Decken ermöglichen, mit synthetischen Fasern nachzubauen. So ausgestattete Textilien würden auf einer Vielzahl von Oberflächen haften.

Dr. Volkmar von Arnim. Foto: Dialog Basis

In der angeregten Diskussion ging es den Teilnehmern immer wieder um die Frage, wie Funktions-Versprechen für Textilien tatsächlich eingehalten werden könnten. Sie interessierten sich für die Beständigkeit der Funktionen und wiesen darauf hin, dass Werbung nicht die gewünschten und nötigen Erklärungen zu den Produkten liefere. Stattdessen wünschten sie sich einen Dialog über sinnvolle und unsinnige Anwendungen sowie verbrauchernahe, niedrigschwellige Informationsangebote.


... über den Nano-Dialog Baden-Württemberg
Stellvertretend für den Nano-Dialog Baden-Württemberg standen den Teilnehmerinnen und Teilnehmer des INSPIRE-Bürgerdialogs Vertreter des MLR, des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamtes Karlsruhe und Laura Gross (Die VERBRAUCHER INITIATIVE e.V.) Rede und Antwort. In den angeregten Gesprächen ging es immer wieder um die Frage, wie der Nano-Dialog Baden-Württemberg weiterentwickelt werden könnte und wie möglichst viele Verbraucher für das Thema zu erreichen wären.

Florian Pitschel von DIALOG BASIS moderierte die Dialogstation zum Nano-Dialog Baden-Württemberg. Foto: Dialog Basis

Schnell war man sich darüber einig, dass Verbraucherinnen und Verbraucher sich nur dann mit der konkreten Bedeutung von Nanotechnologien in ihrem Leben, für ihre Konsumentscheidungen befassen können, wenn sie sachliche und ihren Interessen angemessene Informationen darüber erhalten. Die engagiert Diskutierenden gaben eine Fülle von Anregungen wie dies zu erreichen sei. Sie waren sich darüber einig, dass diese Art der Kommunikation eine besondere Kombination aus Sachkunde, Neugier und Vermittlungsfähigkeiten braucht – im Grunde „enthusiastische Übersetzer“ auf allen Ebenen.

Hintergrund

Der „INSPIRE“-Bürgerdialog fand im Rahmen des EU-Projektes NanoDiode statt und wird parallel in Frankreich, Italien, Polen, Österreich und in den Niederlanden durchgeführt. Die Universität Stuttgart koordiniert das Projekt für Deutschland, die Veranstaltung wurde organisiert von DIALOG BASIS (www.dialogbasis.de).

Der Dialog dient dazu, gesellschaftlich gewünschte Innovationen aus den vielen Bereichen der Nanotechnologien zu unterstützen. Er ist eines von verschiedenen Instrumenten, mit denen Bürgerinnen und Bürger frühzeitig in die Debatten um einen verantwortungsvoller Umgang mit der Forschung an und den Innovationen durch Nanotechnologien einzubeziehen. Dieses Ziel verbindet NanoDiode mit dem Nano-Dialog Baden-Württemberg. Das Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg (MLR) war daher gern Gastgeber der Veranstaltung.

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