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Interview: „Experten sind Vertreter ihres Wissens“

Studentinnen und Studenten, die an der Universität Tübingen Nano-Science studieren, können im Masterstudiengang ein besonderes Seminar belegen. Im Planspiel Na-No gestalten sie die Prozesse und die Debatte rund um die Ansiedlung eines fiktiven Nanotechnologie-Unternehmens. Mit den Seminar- und Spielleitern, Dr. Üner Kolukisaoglu und Stefan Gammel, sprachen wir über das Spiel, die Rolle von Experten und den Wert gesellschaftlicher Debatten.
 

Ein Planspiel erlaubt es, in einem geschützten Umfeld systematisch nach möglichen Lösungen für ein Problem zu suchen, indem man sie nach und nach "durchspielt". Mit welchem Problem müssen sich die Masterstudentinnen und -studenten in Na-No auseinandersetzen?

Stefan Gammel (SG):     Das Planspiel gibt es immer im Sommersemester; im Sommer 2018 hat es zum zweiten Mal stattgefunden. Am Anfang stand ein Ausgangsszenario: Nahe der kleinen Gemeinde Bombelhausen, 2000 Einwohner, im Einzugsbereich von Trübingen, 70.000 Einwohner, strukturschwach und verschlafen, gibt es ein Naturschutzgebiet: die Blähfrosch-Wiesen. In der Nachbarschaft dieses Naturschutzgebietes soll nun ein Industriepark eröffnet werden und es siedelt sich eine Nano-Firma an. Daraufhin bespricht sich der Gemeinderat und ein Planfeststellungsverfahren wird eingeleitet. Das ist zwar vereinfacht, aber wir haben versucht, möglichst nah am realen Prozedere zu bleiben. Es gründet sich eine Bürgerinitiative, die einen Bürgerentscheid organisieren möchte. Je nach Teilnehmerzahl bilden sich dann mehrere Gruppen, die Studentinnen und Studenten entscheiden selbst, zu welcher sie gehören wollen: Wirtschaft, natürlich, die sich ansiedeln will, Politik, die das deichseln will, möglichst ohne sich nach der einen oder anderen Seite angreifbar zu machen, Presse, Bürgerinitiative und Wissenschaft.
 

Stefan Gammel ist Philosoph und dabei auf Fragen der Wissenschaft und der Technik-Ethik spezialisiert. Er leitet das Pflichtseminar Ethik seit Beginn des Studiengangs Nano-Science. Foto: MLR / Gaby Höss
Stefan Gammel ist Philosoph und dabei auf Fragen der Wissenschaft und der Technik-Ethik spezialisiert. Er leitet das Pflichtseminar Ethik seit Beginn des Studiengangs Nano-Science.
Foto: MLR / Gaby Höss
Wie geht es weiter?

SG:    Die Leute bekommen also dieses Anfangsszenario und wir beide denken uns Ereignisse aus. Wie Rollenspielleiter, die eine Ereigniskarte vorlegen. Darauf müssen dann die Gruppen, die sich angesprochen fühlen, reagieren. Diese Reaktion bildet dann den weiteren Baustein des Planspiels. Das heißt, die Gruppen spielen es nicht einfach durch, sondern sie erschaffen es. Die Studentinnen und Studenten jedes Durchgangs treffen also auf ein verändertes, weiterentwickeltes Szenario.
 

Was stellt die Firma in Ihrem Planspiel her?

Dr. Üner Kolukisaoglu (ÜK):    Die Firma im Planspiel, Nano(sur)face, stellt eine Beschichtung her, die auf den Flügeln von Libellen beruht. Die können sich nicht infizieren, weil ihre Flügel lauter Nadeln aufweisen, die etwa 10-20 nm dick sind und so dicht stehen, dass ein Bakterium darauf durch den eigenen Druck platzt. Oberflächen, die so beschichtet wären, wären dann im Endeffekt selbst-sterilisierend. OP-Tische wären ein Beispiel für eine Anwendung. Die Idee hat man tatsächlich schon vor einiger Zeit erdacht, es gibt dazu Publikationen, aber sie ist noch nicht marktreif.

SG:    Ich habe mich für die Ausgestaltung und die Eventcards (Anm.: Ereigniskarten) durchaus von echten Szenarien inspirieren lassen. Zum Beispiel habe ich erfahren, dass es Demonstrationen gegen eine Hausgeräte-Firma gab, weil ihr vorgeworfen wird, dass sie „Dual Use“ produzieren würden, in diesem Fall für Militärflugzeuge. Daraus wurde dann der Event, dass die Trübinger Nano-Firma Verbindungen zu einer Firma für Militärtechnik hat – ich habe also einen Dual-Use-Fall kreiert. So ist das ganze Szenario generisch aus vielen Quellen zusammengewürfelt.
 

Dr. Üner Kolukisaoglu  ist Experte für die Molekularbiologie der Pflanzen. Er hat den Studiengang Nano-Science in Tübingen aufgebaut und koordiniert ihn auch heute.   Foto: MLR / Gaby Höss
Dr. Üner Kolukisaoglu ist Experte für die Molekularbiologie der Pflanzen. Er hat den Studiengang Nano-Science in Tübingen aufgebaut und koordiniert ihn auch heute.
Foto: MLR / Gaby Höss
Das Ganze ist eine Lehrveranstaltung. Wie sieht hier die "Abschlussarbeit" aus?

ÜK:    Das ganze Spiel steuert auf einen Höhepunkt zu. Das ist die Podiumsdiskussion am Ende des Semesters. Eine Podiumsdiskussion ist immer darauf ausgelegt, eine zentrale Frage oder ein zentrales Problem zu behandeln. Das muss realistisch sein. In diesem Semester ging es um das Planfeststellungsverfahren und das muss ja immer als Bürgerbefragung oder Bürgerentscheid diskutiert und entschieden werden. Die Studentinnen und Studenten müssen das in ihren verschiedenen Funktionen vorbereiten und die Podiumsdiskussion coram publica bestreiten. Dazu laden wir auch weitere Studenten ein. Beim letzten Mal waren da so 30 Leute, wo dann jeder, der da ist, gehalten ist, "Bürger" zu sein.
 

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