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Interview: "Experten sind Vertreter ihres Wissens"

Seite  2/4: "Es geht um das Verteidigen von Wissen."
 

Das Planspiel ist im Kern die Form, in der Sie die Studentinnen und Studenten Ethik in die Praxis übersetzen lassen und sie ins engagierte Debattieren bringen. Sollte das nicht in allen Fächern Teil der Lehre sein?

ÜK:    An sich sind Debattieren und Argumentieren zentraler Bestandteil der Naturwissenschaften. Einfach weil es immer darum geht, etwas zu beweisen. Zu zeigen, dass das, was man da behauptet auch der Wahrheit entspricht und nicht einfach dem Wunschdenken oder der Phantasie. Argumentieren und Debattieren ist damit eine Kernkompetenz. Die Herausforderung ist, das in eine Form zu überführen, die massenkompatibel ist. Mein Lieblingsbeispiel ist immer „Die Sendung mit der Maus“: Da wird kein Quatsch erzählt, das ist alles fundiert und wirklich sehr gut recherchiert. Es ist aber für ein zeitlich begrenztes Format und für Menschen runtergebrochen, denen noch nicht so viel Wissen zur Verfügung steht. Damit es für sie begreifbar ist. Ich sage in meinen Vorlesungen immer: „Nehmt euch das als Beispiel!“

SG:    Diese Vereinfachung ist wichtig! Wenn man in einer Diskussion mit Laien eine chemische Strukturformel an die Wand malt, ist die Aufmerksamkeit wieder weg. Auch sowas wird im Planspiel spielerisch trainiert. Ich spiele zum Beispiel als Ereigniskarte, dass in der Zeitung rumgeht, dass das BfR vor Nanosilber warnt. Stimmt ja sogar fast –es hat ein Positionspapier rausgebracht, in dem Bedenken geäußert werden und unpolemisch, sachlich vom Einsatz abgeraten wird (Anm.: Stellungnahme Nr. 024/2010 des BfR vom 28.12.2009: BfR rät von Nanosilber in Lebensmitteln und Produkten des täglichen Bedarfs ab). Die Bürgerinitiative hat das pflichtschuldigst – da waren die Teilnehmerinnen und Teilnehmer schon in ihrer Rolle drin – aufgegriffen um damit gegen die Oberflächenbeschichtung der Firma Nano(sur)face zu argumentieren. Die Aufgabe der Firma mit den Wissenschaftlern war nun also zu erklären, warum die rein mechanische Abtötung der Bakterien etwas anderes ist als der Einsatz von Nanosilber. Das ist durchaus eine herausfordernde Aufgabe.
 

Stefan Gammel und Dr. Üner Kolukisaoglu im Gespräch mit Laura Gross vom Nanoportal Baden-Württemberg. Foto: MLR / Gaby Höss
Stefan Gammel und Dr. Üner Kolukisaoglu im Gespräch mit Laura Gross vom Nanoportal Baden-Württemberg. Foto: MLR / Gaby Höss
Vereinfachen, verständlich ausdrücken, argumentieren – das könnte man alles auch schriftlich vermitteln. Wieso wählten Sie die Form des Plan- also auch des Rollenspiels?

ÜK:    Es geht um das Einstehen, das Verteidigen von Wissen. Wir wollen den Studentinnen und Studenten vermitteln, dass sie für ihr Wissen heute nicht selten sofortigst Gegenwind bekommen und dass sie diesen Gegenwind aushalten können müssen. Wir wollen ihnen Mittel an die Hand geben, wie sie dem begegnen können, damit sie mit ihren Argumenten gehört werden.

SG:    Es geht darum, dass die Leute mit der "rauen Wirklichkeit" in Berührung kommen. Dass sie erfahren, wie es in der Welt außerhalb des Labors ist, solche Auseinandersetzungen zu führen. Dass sie eine Ahnung davon bekommen, wie Entscheidungen ablaufen – ein Planfeststellungsverfahren zum Beispiel ist ja viel Bürokratie. Welche verschiedenen Interessensgruppen und Leute es gibt, die für oder gegen einen sind, mit denen man sich auseinandersetzen muss und mit denen man umgehen muss. Und dass es da Arten und Weisen gibt, auf die man angegangen wird, mit denen der seriöse Wissenschaftler im Vorfeld nicht rechnet.
 

Zum Beispiel?

SG:    Wenn Leute auf einer persönlichen Ebene angegriffen werden, zum Beispiel. Oder auch die Einwände völlig unwissenschaftlich sind. Wenn also die Leute zum Beispiel sagen "Ich habe Angst vor Nanotechnologie, das ist doch nur wieder was, womit uns die Industrie vergiften will. Die vergiften uns doch ständig." Da könnte man natürlich sagen, das ist Unsinn; aber sowas passiert, so denken Leute, so äußern sich Leute.
 

Nach guten Erfahrungen im Studiengang Biologie installierte Dr. Kolukisaoglu das Seminar Ethik als Pflichtfach für den Bachelor-Abschluss in Nano-Science.
Foto: MLR / Gaby Höss
Was sollen die Studenten idealerweise aus diesem Seminar mitnehmen?

ÜK:    Es geht darum, ihnen beizubringen, wie weit sie zu gehen imstande sind und Respekt vor sich selbst und der Situation zu bekommen. Nur weil ich etwas machen kann, heißt das noch lange nicht, dass ich es machen sollte oder machen darf. Aber sie sollten zumindest eine solche Situation mal am eigenen Leib erfahren – nicht nur als Angegriffener sondern auch als Angreifer. Wie handele ich auch selbst als Angreifer? Damit sie diesen Mechanismus verstehen: Wie verlaufen solche Diskussionen? Warum verlaufen sie auf diese Art und Weise?

SG:    Aber wir sind keine spin doctors (Anm.: Berater, die vor allem daran arbeiten, ihren Auftraggeber in der Öffentlichkeit in möglichst gutem Licht erscheinen zu lassen). Wir drillen die nicht einfach, damit sie möglichst unbehelligt die Sau rauslassen können. Sondern es soll der Ethik-Anspruch da sein, dass sie ihr eigenes Verhalten und das der anderen reflektieren und dann damit umgehen können. Das ist das Wichtige daran.
 

Warum ist das wichtig?

ÜK:    Die Studentinnen und Studenten sollen verstehen, dass sie für bestimmte Fragestellungen Experten sind. Sie sind die Leute, die wirklich eine fundierte Aussage treffen können und müssen, um im Endeffekt eine echte Grundlage für eine Entscheidung zu legen. Und dass sie dies auch auf eine Art und Weise tun können, die ganz klar zeigt, dass sie eine Expertise abgeben, die von der reinen Wissenschaft her, vom reinen Sachverhalt unverrückbar ist. Heutzutage gelten Experten nämlich häufig nichts mehr. Man unterstellt ihnen immer, sie seien gekauft oder lügen oder seien interessengetrieben. Uns ist daher wichtig, dass unsere Studentinnen und Studenten in der Lage sind, ihre Argumente wirklich vertreten zu können und nicht zu erschrecken. Denn sie werden leicht in so eine Situation kommen. Viele Wissenschaftler werden auf solche Situationen nicht vorbereitet. Sie "scheuen" dann und machen auf eine Aggression hin sofort einen Rückzieher. Und das nützt keinem! Auch einer Bevölkerung nicht, die wirklich beraten werden will.
 

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