Service-Navigation

Suchfunktion

Interview: "Experten sind Vertreter ihres Wissens"

Seite 3/4: "Der zentrale Begriff ist Awareness"
 

Arbeitsteilung: Stefan Gammel kreierte das Ausgangszenario für Na-No und sorgt verlässlich für herausfordernde "Ereigniskarten". Dr. Kolukisaouglu sorgt unter anderem für den naturwissenschaftlichen Input und ist bei Bedarf ein "engagierter Bürger". Foto: MLR / Gaby Höss
Verändern sich die Teilnehmer im Laufe des Seminars?

ÜK:    Innerhalb eines Jahrgangs merkt man, wie sich die jungen Leute entwickeln. Bei der letzten Podiumsdiskussion saß ich mit ein paar Kollegen als Bürger dabei, und wir fingen an, einzelne Vertreter anzugreifen, mit den üblichen Mitteln der Simplifzierung, man muss auch sagen, der Lüge. Die Studentinnen und Studenten kamen damit wirklich besser zurecht als noch am Anfang des Seminars. Ich kann nicht sagen, dass jeder gefestigt wie ein Monolith aus diesem Seminar rausgeht. Aber ich denke, dass ihnen das viel gibt und sie wissen, "Was kommt auf mich zu?" und "Würde ich mir zutrauen, solche Diskussionen auch weiter zu führen?" Das ist ja auch ein bisschen eine Berufsentscheidung. Wir bilden die Leute ja nicht nur für Labors aus. Es kann eben auch Teil des Berufsbilds sein, sein Tun auch zu reflektieren, es zu verteidigen und dafür gerade stehen zu müssen. Dann sollte man das auch in angemessener Form tun können und sich nicht durch Taschenspielertricks – die müssen nicht mal rhetorisch sein – ins Hintertreffen bringen lassen und so, obwohl man eine gute Sache vertritt, einer schlechten Tür und Tor öffnet.

SG:    Am Anfang, wenn man da ein bisschen gröber rangeht, kommt immer die Frage „Gibt es Leute, die wirklich so reden?“ Dann sage ich ihnen, es gibt Bundestagsabgeordnete, die den gegenwärtigen deutschen Außenminister als „Nato-Strichjunge“ bezeichnen. Also, ja, sowas gibt es (Anm.: Dieter Dehm, MdB, Die LINKE, beim Berliner Ostermarsch 2018 über Bundesaußenminister Heiko Maas). Am Ende des Seminars lassen sie sich durch sowas einfach nicht mehr so leicht aus dem Gleichgewicht bringen.
 

Am Internationalen Zentrum für Ethik in der Wissenschaft (IZEW) beschäftigte sich Stefan Gammel in verschiedenen Begleitforschungsprojekten für EU-Projekte mit den ethischen Fragestellungen der Nanotechnologien. Foto: MLR / Gaby Höss
Die angehenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erleben sich dabei oft selbst von ungewohnter Seite. Wie reagieren sie auf diese Grenzerfahrungen?

ÜK:    Sie reagieren interessiert und befassen sich zum ersten Mal wirklich ernsthaft mit ihrem Wissen und ihrer Rolle. Interessant ist, dass sie dann berichten, dass sie auf einmal auch im Familienkreis überhaupt anfangen über ihr Wissen zu reden und auf Pauschalurteile zu reagieren. Sie realisieren zum ersten Mal für sich, dass sie Experten auf diesem Gebiet sind und ihr Wissen auch vertreten können.

SG:    Ich frage die Bachelor-Leute im Ethik-Kurs am Anfang immer, wieviel sie so zu Hause mit der Verwandtschaft darüber reden, was sie studieren. Ich selbst bin Philosoph und werde immer nach dem Taxischein gefragt. Aber wonach wird man als Nanowissenschaftler gefragt? Die meisten sagen dann, dass sie gar nicht darüber reden. Das sei irgendwas mit Physik und Chemie und Tante Frieda sei sowieso skeptisch gegenüber dem Technikzeug und so weiter. Dass sie sich da also sehr zurückhalten. Wir stellen fest: Wenn sie ein bisschen was gemacht haben (Anm.: im Seminar), gehen sie auch solche Unterhaltungen im Familienkreis durchaus sportlich an.
 

In Ihrem Seminar verändern Sie das Verhalten der Studentinnen und Studenten als Sender von Botschaften. Für eine gute Debatte braucht es jedoch auch Empfänger, die ebenso sachlich argumentieren. Was ist dafür nötig?

SG:    Man kann nur tun, was man kann. Diese zukünftigen Naturwissenschaftler sind Sender für die Nano-Science, aber Empfänger in anderen Dingen. Insofern ist das auch nicht ganz verloren, weil sie vielleicht auch bei anderen Dingen anders, konstruktiver, diskutieren. Und die anderen Empfänger – sagen wir mal Aktivisten, die vielleicht ein Labor verwüsten oder jemanden beschimpfen – erreicht man vielleicht indirekt, weil sie eben in Auseinandersetzungen auf Wissenschaftler treffen, die Paroli bieten. Es wäre schon viel, wenn das erreicht würde.

ÜK:     Für mich ist der zentrale Begriff Awareness (Anm.: Bewusstsein). Wir haben viele Gedanken, viele Gespräche in das Ganze investiert. Wir wollen die jungen Wissenschaftler nicht zu Experten machen, die nur ihr Feld verteidigen und auf dem zum Advocatus diaboli werden. Wir wollen, dass sie ein Bewusstsein für vergangene und gegenwärtige Probleme entwickeln und die Lehren aus diesen Geschichten ziehen, um sie verantwortungsvoll für die Zukunft in das eigene Handeln zu übertragen. Dabei geht es auch um Respekt. Es geht auch darum, die eigene Meinung mal ein bisschen hinten an zu stellen und die Offenheit für das Wissen der anderen zu fördern.
 

Kommentare (0)

Es können folgende HTML Formatierungen verwendet werden: <b> <i> <u>

Fußleiste