Service-Navigation

Suchfunktion

Interview: "Experten sind Vertreter ihres Wissens."

Seite 4/4: "Das Wichtigste ist die Gesprächsbereitschaft."
 

Die Aussagen von Wissenschaftlern werden in aufgeheizten Diskussionen oft nicht durch Argumente entkräftet, sondern einfach für wertlos erklärt, indem dem Experten die Unabhängigkeit abgesprochen wird. Was bedeutet das für Ihre Studenten?

ÜK:    Wir (Anm.: die Seminarleiter der Uni Tübingen) stellen uns den Experten immer als Vermittler vor, nicht als Interessenvertreter. Dafür muss er natürlich eine gewisse Unabhängigkeit haben. Wir zeigen unseren Studenten, wie sie handeln würden, wenn sie einen Auftrag hätten und wie, wenn sie reine Experten wären. Indem wir sie diese Rollen spielen lassen, sollen sie herausfinden, wie sie reagieren und handeln würden. Dabei geht es auch darum, diese konventionell konservativen Ansichten aufzubrechen: Wir haben eben nicht Gut und Böse oder die einen sind für die Umwelt und die anderen sind dagegen, sondern man hat Interessenvertreter. Und deren Interessen muss man eben konkret benennen und… nein, nicht gegeneinander abwägen, das wäre der falsche Begriff. Man muss diese Interessen abwägen und sehen, wie sie sich gegeneinander positionieren.

SG:    Dass Experten, die das Interesse von irgendwem vertreten (zum Beispiel für die Uni Tübingen, die auch Interessen hat), in Zweifel gezogen werden, ist das Eine. Hinzu kommt die Diskreditierung des Expertenstatus an sich. Das sind zwei verschiedene Sachen. Ich erinnere mich an den Wahlkampf Schröder versus Merkel, wo das zum ersten Mal greifbar wurde (Anm.: im Jahr 2005). Professor Paul Kirchhof war damals im Kompetenzteam der CDU/CSU im Gespräch als Finanzminister – und das Argument im Wahlkampf von Gerhard Schröder (SPD) gegen ihn war seine Position als Professor! „Der Professor aus Heidelberg“ wurde ein Schimpfwort. Es beschuldigte ihn nicht einmal jemand, von irgendwem gekauft zu sein, sondern es reichte, dass er Professor ist. Der Status des Experten ist damit fundamental ausgehöhlt worden.
 

Foto: MLR / Gaby Höss
Wie kann dieser Schaden wieder gutgemacht werden?

ÜK:    Hier kommen wir zu dem Begriff Respekt. Wir haben Respekt vor einem Bauarbeiter. Wir haben Respekt vor einer Frau, die irgendwo sauber macht. Wir müssen auch den Respekt fordern für jemanden, der für etwas Experte ist. Da müssen wir wieder zu einem Level kommen, dass wir Menschen ihr jeweiliges Tun nicht vorwerfen, sondern sagen "Ah ja. Der tut etwas, weil er es eben macht, weil er es will, weil er dafür eine besondere Befähigung hat..." Wir wären ohne Experten auf allen Ebenen schlimm dran. Denn sie sorgen dafür, dass bei vielen Dingen vielleicht keine schlimmen Sachen passieren. Ein Experte ist genauso ein Philosoph, der das Handeln und Tun der Menschen begreift und dessen Konsequenzen wie jemand, der einen Maschinenpark bedient und überwacht, damit der nicht außer Rand und Band gerät.
 

Bürgerbeteiligung, das Ermitteln und der Ausgleich der Interessen sind sehr aufwändig. Das kostet Zeit, Geld und Nerven, nicht selten verändern sich Ideen in solchen Prozessen deutlich. Worin besteht der Wert?

ÜK:    Ich sehe das, was wir da tun, als gelebte Demokratie. Natürlich ist der gesellschaftliche Dialog über Wissenschaft und ihre Anwendungen ein schmerzvoller Prozess, der durch viel Frustration und Scheitern gekennzeichnet ist. Dennoch muss man versuchen, so weit wie es geht, alle in so einen Prozess einzubeziehen. Denn wenn wir uns dafür entscheiden, dass nur noch "das Vernünftige", "das Gute", "das Hehre" gemacht wird, dann wird eines Tages wieder irgendjemand – mit Schnauzbart? – allein bestimmen, was hehr, gut und für uns alle wertvoll ist. Deswegen ist mir das so wichtig: Zu lernen, wie man dem Drang widersteht, Dinge falsch oder in einem bestimmten Sinne darzustellen, nur um seinen Gewinn daraus zu ziehen. Wir bilden die Leute nicht dafür aus, ein gewisses Interesse zu verfolgen, sondern sie sollen Vertreter ihres Wissens sein. Das heißt, sie sollen auch kommunizieren, was ist gut, was ist schlecht an einer Sache. Die Leute müssen lernen, das wirklich durchsetzen und kommunizieren zu können, ohne damit unterzugehen. Damit ein Bürger, ein Stakeholder eine echte Entscheidungsgrundlage hat.

SG:    Dass sich die Idee in diesem Prozess verändert, ist unvermeidbar und vielleicht gar nicht schlecht. Vielleicht wächst sie ja und verbessert sich. Das Wichtigste ist, dass die Gesprächsbereitschaft, die Kunst des Gesprächs und die Anerkennung der Bedeutung des Gesprächs erhalten bleiben. Dass Ideen mal verloren gehen oder sich verändern, ist eine Sache. Dass man aber die Kultur des Sprechens aufrechterhalten kann, ist ganz wichtig.
 

Vielen Dank.


Sie wollen wissen, was andere Wissenschaftler denken?
Unsere Interviews geben Einblick in viele Fragestellungen und Gedankenwelten. Hier finden Sie die Übersicht.​

Kommentare (0)

Es können folgende HTML Formatierungen verwendet werden: <b> <i> <u>

Fußleiste