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Zeppelin Universität: Die Kennzeichnung hilft niemandem

Der Gesetzgeber sieht die Liste der Inhaltsstoffe (INCI) ein geeignetes Mittel, um Verbraucher über die genaue Zusammensetzung kosmetischer Mittel zu informieren. Auch der Hinweis auf Nanomaterialien ist daher dort angesiedelt. Im Rahmen des Marktchecks Kosmetik untersuchte das Hugo-Eckner-Labor für experimentelle Psychologie und Hirnforschung der Zeppelin Universität Friedrichshafen ob und wie diese gesetzlich vorgeschriebene Nano-Kennzeichnung von Verbrauchern wahrgenommen wird, ob und wie sie sie verstehen und wie dies ihre Kaufentscheidung beeinflusst.


Die Untersuchung

Zwischen Mai und September 2015 durften dafür insgesamt 61 Konsumenten eine Eye-Tracking-Brille aufsetzen und sich verschiedene Kosmetika genauer ansehen. Die Wissenschaftler wollten unter anderem von ihnen wissen, ob eine Sonnenmilch Nanomaterialien enthält und baten die Teilnehmer, auf die Nano-Kennzeichnung zu deuten. Mit Hilfe der Brille, einem technisch ausgefeilten Instrument zur Blickerfassung, konnten die Wissenschaftler verfolgen, welche Details auf der Verpackung wie lange betrachtet wurden. Dies erlaubt Hinweise auf die Wahrnehmung der "Nano-Klammer" sowie auf die Kenntnisse über und das Interesse der Untersuchungsteilnehmer an den Nano-Inhaltsstoffen in Kosmetika.


Nano-Klammer nicht zu finden

Im Rahmen der Eye-Tracking-Analyse zeigte sich, dass der überwiegende Teil der Probanden die Nano-Kennzeichnung nicht finden konnte. Sie wurde, wenn erkannt, weder verstanden noch in die mögliche Kaufentscheidung einbezogen. Selbst Personen, die die Verpackung sehr gründlich untersuchten und dabei auch die Liste der Inhaltsstoffe (zum Teil mehrfach) in Augenschein nahmen, erkannten die Kennzeichnung nicht und entschieden, dass das Produkt keine Nanomaterialien enthalte.


Kennzeichnung besser kommunizieren

Die qualitative Untersuchung zeigte deutlich, dass die Nano-Kennzeichnung in der jetzigen Form nicht funktioniert. Das mag damit zusammenhängen, dass es die erhellende „Nano-Klammer“ noch nicht lange gibt (seit Juli 2013) und die schwer verständliche Liste der Inhaltsstoffe sowieso wenig oder überwiegend von Allergikern gelesen werden. Hinzu kommt, dass die Verpackungen von Sonnenschutzmitteln und anderen Kosmetika eng beschrieben sind und die INCI dabei auch grafisch nicht hervorsticht. Eine Fülle verschiedener anderer Textteile sowie Abbildungen unbekannter Bedeutung lenkten den Blick zusätzlich ab. Damit die Nano-Kennzeichnung ihren Zweck erfüllen kann, müssten Form und Inhalt überarbeitet und die Bedeutungen insbesondere der INCI besser kommuniziert werden.


Erwartungen lenken den Blick

Wie Verbraucher Verpackungsaufschriften lesen und ob sie die gesuchten Informationen finden, hängt auch davon ab, was sie bereits über das Produkt wissen und was sie davon erwarten. In Sachen Nanomaterialien sind die Vorkenntnisse zumeist gering, was auch die Erwartungen an das Produkt beeinflusst. Die Auswertung der Videos und der spontanen Kommentare ergab, dass die Befragten Nanomaterialien als etwas Künstliches wahrnehmen. Es wird zwar nicht notwendigerweise als gefährlich empfunden, aber doch als potenziell negativ. In den begleitenden Gesprächen wünschten sich die meisten Befragten eine Nano-Kennzeichnung auf Kosmetika. Beinahe niemand (90 % der Befragten) wusste aber, dass dieser Hinweis in der INCI von Kosmetika gefunden werden kann. Gut möglich also, dass die Befragten auch deshalb die Kennzeichnung nicht fanden, weil sie sie nicht kannten oder der Meinung waren, dieses Produkt solle besser keine Nanomaterialien enthalten.

(Stand Oktober 2016)

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