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Interview: Langzeitstudie mit Vorbildwirkung

Seite 3/4: "Die bisherige Vorstellung von der Tumorentstehung muss verfeinert werden."
 

Sie haben also sehr genau hingeschaut, welche Partikel in welcher Menge im Körper wo landen und welchen Effekt sie dort haben. Haben sich dabei die Hypothesen vom Zusammenhang Überladung – Entzündung – Tumorentstehung bestätigt?

Nicht alle Hypothesen haben sich bestätigt. Das ist das Schöne daran. Wir hatten einen Beraterkreis von acht Wissenschaftlern, sicher den besten, die man finden konnte. Und wir haben diese Hypothesen aufgestellt und die Hälfte hat sich im Experiment nicht bestätigt: So hat sich beispielsweise gezeigt, dass Entzündungen in der Lunge ohne Overload entstehen können. Und wir haben festgestellt, dass auch eine lebenslange Entzündung der Lunge nicht zu Lungentumoren führen muss. Das wussten wir vorher so nicht.

Zeit, Mühe und Geld haben sich sehr gelohnt, wenn man am Ende klüger ist als zu Beginn.
 

Was hat die Untersuchung an neuen Erkenntnissen gebracht?

Zuerst einmal wissen wir jetzt, bei welcher Konzentration welche Effekte auftreten. Wir wissen auch: Nano-Ceroxid verursacht eine Entzündung aber keine weiteren Effekte - auch keine Tumore. Das ist ein bedeutendes Ergebnis. Das zweite ist: Nano-Ceroxid verursacht Entzündungen und das bis in den niedrigsten Dosisbereich. Auch das war so nicht erwartet.

Das ist sehr bedeutsam, denn am Ende werden die Studienergebnisse zur Einstufung der Stoffe bei der Chemikaliengesetzgebung verwendet. So zum Beispiel ob ein Stoff kanzerogen oder nicht kanzerogen ist. Zudem dienen die Ergebnisse zur Grenzwertableitung aus der Wirkstärke oder genauer der höchsten Dosis, bei der gerade kein Effekt mehr beobachtet wurde. Und beides liefert diese Studie. Wir wissen jetzt welche Effekte wir bei welcher Dosis sehen.

Und wir wissen jetzt auch, dass Bariumsulfat-Partikel im Körper löslich sind. Auch davon waren wir nicht ausgegangen.
 

Aus den überraschenden Ergebnissen ergeben sich aber doch sicher auch neue Fragen…

Ja, wie so oft in der Forschung, werfen Ergebnisse auch neue Fragen auf. Eine wissenschaftlich interessante Frage ist: Was ist advers (Anm. i.S. von schädlich). Es würde wohl jeder erst einmal sagen: Eine Entzündung ist advers. Aber es ist ja auch eine Abwehrreaktion des Körpers, um mit dem Feststoff in der Lunge klar zu kommen. Die Entzündung ist also auch eine gewollte Reaktion. Es geht also um die Frage, was ist noch eine normale Reaktion des Körpers und ab wann ist es ein unerwünschter Effekt? Diese Frage müsste jetzt beantwortet werden.

Oder auch die Frage was „unlöslich“ überhaupt bedeutet. Nichts ist völlig unlöslich und von allem löst sich stets ein bisschen. Aber wann ist ein bisschen so viel, dass es wichtig wird? Offensichtlich wirken die Partikel nicht alle gleich. Ceroxid war viel potenter als Bariumsulfat. Da muss man sich die Frage stellen, wieso das so ist. Warum verursacht das eine mehr, das andere weniger Entzündung?

Auch gibt es keinen strikten Zusammenhang zwischen Überladung der Lunge und Tumor-Entstehung. Offensichtlich gibt es sowohl Überladung ohne Entzündung, als auch Entzündungen ohne Überladung. Und es gibt dauerhafte Entzündungen, die nicht zur Tumorentstehung führen müssen. Dies ist offenbar nicht so strikt gekoppelt, wie wir dachten. Wir müssen den Ablauf und die Mechanismen noch einmal überdenken. Es ist oft so: Mit neuen Erkenntnissen wird das Bild auch komplexer, komplizierter und ist nicht einfach schwarz-weiß. Die bisherige Vorstellung vom einfachen Zusammenhang zwischen Überladung, Entzündung und Tumorentstehung muss verfeinert werden.
 

Nun sind ja die OECD-Test-Richtlinien zugleich der Standard für die Sicherheitsbewertungen von Nanomaterialien nach REACH. Wird man also jedes Nanomaterial, das unter REACH zugelassen wird, durch eine Untersuchung wie Nano in Vivo laufen lassen müssen?

REACH sagt nicht, dass man Studien machen muss, REACH sagt, man muss Daten liefern. Dafür gibt es mehrere Möglichkeiten. Eine ist, Studien durchzuführen. Eine andere Möglichkeit ist das „read across“ (Anm. etwa: Querlesen). Für Chemikalien ist dies eine häufig angewendete Methode. Und sie wird auch für Nanomaterialien genutzt werden. Dabei werden zwei oder mehr Nanomaterialien, die so ähnlich sind, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit im Körper gleich oder sehr ähnlich wirken, in einer Gruppe zusammengefasst. „Read-across“ bedeutet dann, die vorhandenen toxikologische Daten eines Nanomaterials aus der Gruppe auch auf die anderen Materialien der Gruppe zu übertragen – man erhält also Daten durch Querlesen von einem Nanomaterial zu einem anderen – ohne diese Material eigens testen zu müssen.

So eine Langzeitstudie, wie wir sie gemacht haben, kann nicht noch für tausende weiterer Nanomaterialien gemacht werden. Auch deshalb war es sinnvoll, eine gute Studie durchzuführen, auf die sich dann andere toxikologische Bewertungen beziehen können.
 

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