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Interview: „Verbraucher in Europa können der Sicherheit und Qualität von Produkten vertrauen“

Ob Nanomaterialien, Chemikalien oder Lebens- und Futtermittel – die Politik braucht unabhängige wissenschaftliche Erkenntnisse und Beratung, um bei ihren Entscheidungen die Gesundheit und Sicherheit von Verbrauchern sicherstellen zu können. Auf EU-Ebene ist das eine der Aufgaben der Gemeinsamen Forschungsstelle (Joint Research Centre, JRC) der Europäischen Kommission. Frau Dr. Elke Anklam war hier langjährige Direktorin für Gesundheit, Konsumenten und Referenzmaterialien. Wir sprachen mit ihr darüber, was die wissenschaftlichen Einrichtungen der EU für den Verbraucherschutz vor allem im Hinblick auf Nanomaterialien erreichen.

Frau Dr. Anklam, was ist die Gemeinsame Forschungsstelle (JRC) und welche Aufgaben hat sie?

Dr. Elke Anklam: Das JRC ist eine eigenständige Generaldirektion und hausinterner wissenschaftlicher Dienst der Europäischen Kommission. Es bietet unabhängige wissenschaftliche und technische Unterstützung und Beratung, vor allem für die anderen (politischen) Generaldirektionen der Kommission, aber auch für weitere EU-Institutionen und EU-Mitgliedsstaaten.

Um diese Aufgabe zu erfüllen, beschäftigt das JRC eine Vielzahl von Wissenschaftlern für umfassende Forschungsarbeiten. Es schafft, verwaltet und nutzt Wissen und entwickelt innovative Instrumente für politische Entscheidungsträger. Es betreibt proaktive Forschung und sieht aufkommende Probleme voraus, die auf EU-Ebene unter Beachtung des politischen Umfelds zu behandeln sind.

Das JRC führt nicht nur eigene Forschungsprojekte durch, sondern kümmert sich zunehmend um die Verarbeitung und Bündelung von wissenschaftlichen Erkenntnissen (knowledge management). Zudem ist es stark vernetzt mit anderen wissenschaftlichen Einrichtungen in der EU und weltweit.

Das JRC betreibt sechs Forschungszentren in fünf Mitgliedstaaten: Brüssel und Geel (BE), Karlsruhe (DE), Sevilla (ES), Petten (NL) und Ispra (IT). Mehr Informationen zum JRC gibt es hier: https://ec.europa.eu/info/departments/joint-research-centre_de.

(Anm. d. Red.: Aufgaben und Arbeit des JRC und seiner Forschungseinrichtungen auf EU-Ebene sind in Deutschland in etwa vergleichbar mit denen von Bundesforschungseinrichtungen wie dem Umweltbundesamt oder dem Bundesinstitut für Risikobewertung.)

Dr. Elke Anklam ist heute Hauptberaterin für den Bereich Life Science (Lebens- bzw. Bio-wissenschaften) beim Joint Research Centre (JRC). In dieser Funktion berät sie den Generaldirektor u.a. zu strategischen Fragen.  (Foto: Joint Research Centre, EU-Kommission)
Dr. Elke Anklam
ist heute Hauptberaterin für den Bereich Life Science (Lebens- bzw. Biowissenschaften) beim Joint Research Centre (JRC). In dieser Funktion berät sie den Generaldirektor u.a. zu strategischen Fragen.
 
(Foto: Joint Research Centre, EU-Kommission)
Worum geht es bei der Arbeit der Direktion für Gesundheit, Konsumenten und Referenzmaterialien am JRC?

Diese Direktion bietet eine regulatorische wissenschaftliche Unterstützung der Politik hauptsächlich in den folgenden Gebieten: Öffentliche Gesundheit (Krebs, seltene Krankheiten, Ernährung, medizinische Hilfsmittel), Risikoabschätzung von Chemikalien mit einem Fokus auf alternativen Methoden zu Tierversuchen, Lebensmittelsicherheit und -qualität, neuen Technologien und Instrumenten zur Qualitätssicherung wie Referenzmethoden und Referenzmaterialien. Diese Arbeiten unterstützen die Harmonisierung und Standardisierung, vor allem bei der Implementierung von der EU-Gesetzgebung.

(Anm. d. Red.: Regulatorische Wissenschaft entwickelt und nutzt Instrumente und Standards zur Bewertung der Sicherheit, Wirksamkeit und Qualität von Produkten und Stoffen, um die Politik bei der Gesetzgebung zu unterstützen.)

Warum sind standardisierte Messungen so wichtig und dämpft das nicht die Kreativität von Forschern?

Für die korrekte Umsetzung von Gesetzgebung, z.B. für gesetzliche Höchstwerte, sind verlässliche und wenn möglich validierte analytische Methoden unerlässlich. Wenn immer möglich, sollten auch zertifizierte Referenzmaterialien zum Einsatz kommen. Dieses Rüstzeug ist unverzichtbar, wenn man von Messergebnissen Vergleichbarkeit fordert. Das ist vor allem im klinischen Bereich wichtig, aber auch für den Handel. Zudem sollten multiple Messungen überflüssig werden („einmal gemessen, überall akzeptiert“). Standards sind für das Vertrauen aller Interessengruppen wichtig.

Es mag sein, dass das Thema Standardisierung für viele Wissenschaftlicher nicht attraktiv ist. Es ist aber wichtig, darauf hinzuweisen, dass die Abwesenheit von qualitätssichernden Maßnahmen wie z.B. von validierten Methoden die Akzeptanz von z.B. Risikoabschätzungen vermindert. Vor allem, wenn es darum geht, Fortschritte von medizinischen Behandlungen zu verfolgen oder Biomarker in klinischen Tests zu messen (z.B. gesundheitsbezogene Untersuchungen). Diese Ergebnisse sollten zuverlässig und vergleichbar sein, egal in welchem Laboratorium die Messung durchgeführt wird.

Beispielsweise basieren die Ergebnisse von regelmäßigen medizinischen Check-ups oder anderer klinischer Messungen auf standardisierten Prozeduren und stellen die Grundlage für die lebenslange Überprüfung der gesundheitlichen Situation.

(Anm. d. Red.: Die aktuelle Corona-Krise zeigt ebenfalls, wie wichtig harmonisierte und standardisierte Testergebnisse sind, um sie vergleichbar zu machen und eine einheitliche Grundlage für die Bewertung zu haben.)
 

Was habe ich als Verbraucher in Europa von Ihren Forschungsergebnissen?

Als Verbraucher kann ich Vertrauen in die Sicherheit und Qualität von Lebensmitteln und anderen Verbrauchsgütern haben, die ich in allen EU-Mitgliedstaaten erwerbe.

Die Arbeit des JRC wirkt sich direkt auf das Leben der Bürger aus, indem sie mit ihren wissenschaftlichen Ergebnissen zu einer gesunden und sicheren Umwelt, einer sicheren Energieversorgung, einer nachhaltigen Mobilität und der Gesundheit und Sicherheit der Verbraucher beiträgt.

Weiterhin unterstützt das JRC die nationalen zuständigen Behörden und andere Institutionen in der EU auf dem Gebiet der Lebensmittelsicherheit und der Lebensmittelverfälschungen. Mehr dazu hier: https://ec.europa.eu/knowledge4policy/food-fraud/about_en.

Das kürzlich innerhalb der europäischen Kommission eingerichtete Wissenszentrum für Lebensmittelverfälschung und -qualität, das vom JRC maßgebend unterstützt wird, liefert nicht nur eigene Erkenntnisse und Untersuchungsergebnisse, sondern gewährt Zugang zu neuesten Erkenntnissen auf dem Gebiet der Echtheit von Lebensmitteln. Zudem koordiniert es spezifische Aktivitäten über Marktkontrolle und unterstützt das EU-Frühwarn- und Informationssystem für Lebensmittelverfälschungen. Somit soll der europäische Verbraucher nicht nur Zugang zu sicheren, sondern auch authentischen Lebensmittel von hoher Qualität haben. In diesem Zusammenhang sollte noch erwähnt werden, dass das JRC seit etwa 30 Jahren die europäische Weindatenbank unterhält.

(Anm. d. Red.: Um die Angaben auf den Weinetiketten u.a. zur Qualität, Herkunft und zum Jahrgang bei der Überwachung besser überprüfen zu können, werden diese Daten in der amtlichen EU-Weindatenbank gespeichert. Dazu werden jährlich etwa 1380 Proben aus allen Weinbaugebieten der EU-Mitgliedstaaten entnommen.)
 

Wie reagieren Sie auf Anliegen und Sorgen der Bürger?

Das JRC arbeitet eng mit politischen Entscheidungsträgern innerhalb der europäischen Institutionen und mit Organisationen der Mitgliedstaaten zusammen. Daher empfängt es die entsprechenden Signale, die von den Bürgern kommen. Zudem hat das JRC starke Foresight-Kompetenzen entwickelt und führt proaktive, pränormative wissenschaftliche Tätigkeiten durch, um auf die Fragen der Bürger eingehen zu können.

(Anm. d. Red.: Der Begriff Foresight (= Voraussicht) stammt aus der Zukunftsforschung. Dahinter steht ein Prozess, der langfristige Entwicklungen ermittelt, analysiert und kritisch betrachtet, um Zukunft aktiv und strategisch gestalten zu können. Mit dem Begriff „pränormativ“ ist die Entwicklung neuer Normen gemeint.)

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