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Interview: Langzeitstudie mit Vorbildwirkung

Seite 4/4: Neues Wissen, neue Fragen 
 

Müssen nun die OECD-Testrichtlinien an die Untersuchung von Nanomaterialien angepasst werden?

Aus meiner Sicht sind die OECD-Testrichtlinien grundsätzlich alle für Nanomaterialien geeignet. Ich glaube nicht, dass völlig neue Methoden erfunden werden müssen. Aber die bestehenden müssen angepasst werden. Da ist meines Erachtens nicht auf der toxikologischen Seite, sondern vorher notwendig: Man muss die Charakterisierung des getesteten Nanomaterials sehr sorgsam vornehmen und sich gut überlegen, wie man das Nanomaterial dann in das Testsystem einbringt, denn Chemikalien-Moleküle sind immer in irgendwas löslich - Partikel nicht. Und da muss man sich Gedanken machen, wie die Partikel der Ratte oder der Zellkultur angeboten werden. Und auch, wie die Partikel dann im Testsystem vorliegen. Ich glaube, das wären die wichtigsten Anpassungen der Testrichtlinien.
 

In den gesetzlichen Regeln zu Nanomaterialien wird zum Teil auch auf die Löslichkeit abgestellt. So beziehen sich zum Beispiel die Nano-Regeln für Kosmetika ausdrücklich auf „unlösliche“ Stoffe. Braucht man nach Nano in Vivo einen neuen Blick auf die Löslichkeit?

Ja, sicher. Es gibt keine wirklich gute, bewährte, standardisierte OECD-Methode zur Messung der Löslichkeit, die breit angewendet werden kann. Da muss man tatsächlich noch etwas entwickeln und sich auf dann auf eine geeignete Methode einigen. Wir brauchen standardisierte Methoden und wir brauchen Pädiktionsmodelle (Anm. Modelle um aus Daten Eigenschaften vorherzusagen) um festzulegen: Ab wann ist es "löslich" und ab wann ist es "nicht löslich".
 

Für welche Fragestellungen würden Sie sich ähnliche Untersuchungen wie Nano in Vivo wünschen?

Man kann mit zwei untersuchten Nanomaterialien nicht die ganze Welt erklären. Insbesondere weil die Nano in-Vivo Studie gezeigt hat, dass nicht alle Nanomaterialien die gleichen toxikologischen Eigenschaften haben. Wir werden noch einige solcher Studien mit anderen Nanomaterialien brauchen, um eine gute Grundlage für das "read-across" zu haben.

Test-Guidelines sind ein weiterer Punkt. Ich erwarte nicht viele und vor allem keine grundlegenden Änderungen der Prüfrichtlinien. Aber die einzelnen bestehenden Richtlinien für Chemikalien müssten systematisch für Nanomaterialien überprüft und gegebenenfalls angepasst werden.

Mich würde am meisten interessieren, wie Nanomaterialien gruppiert werden können. Wir müssen nicht nur für Langzeiteffekte wissen, wann Materialien ähnlich genug sind, sodass nicht jedes Material eigens vollständig untersucht werden muss. Das ist eine enorm spannende Frage, deren Antwort auch direkt dazu führt, dass man weniger Tierversuche braucht. Dafür müssen wir verstehen, was sind die Eigenschaften und was sind die Wechselwirkungen, die letztlich zu dem Langzeiteffekt führt? Wenn wir die Zusammenhänge kennen, hat das faszinierende Vorteile: a) es spart Tierversuche, b) es ist regulatorisch anwendbar und es führt c) dazu, dass wir die zugrundeliegende Toxikologie verstehen und nicht nur die Effekte im Tier beobachten.
 

Was hat Sie in den vielen Jahren, in denen Sie an Nano in Vivo gearbeitet haben, am meisten beeindruckt?

Zunächst bin ich natürlich erstmal beeindruckt, dass wir eine solch umfangreiche Studie geschafft und gute, nachvollziehbare Ergebnisse erhalten haben.
Aber was mich am meisten beeindruckte: Es war jedem klar, dass diese Studie einmalig und etwas Besonderes ist und alle haben wirklich ihr Bestes gegeben. Alle waren mit großem Engagement dabei – von denjenigen, die diese Studie finanziert haben, über unsere Handwerker, unser Inhalationsteam unter der Leitung von Dr. Lan Ma-Hock bis hin zu Professor Gebel (BAuA), der dieses Vorhaben von Anfang an unterstützt hat und der zuständigen Referatsleitung im BMUV, die das Projekt gegen viele Widerstände vorangetrieben hat. Alle waren sehr entschlossen und mit voller Energie und viel Geschick dabei. Das hat diese außergewöhnliche Studie erst möglich gemacht.
 

Vielen Dank.

 
 

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