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Interview: „Verbraucher in Europa können der Sicherheit und Qualität von Produkten vertrauen“

Seite  2/3: „Europäische Gesetzgebung fordert angemessene Gefahrenanalyse“

Sie raten Studierenden, alles mit Begeisterung anzugehen. Verleitet die Euphorie über die zum Teil faszinierenden Möglichkeiten der Nanotechnologie nicht auch dazu, in Sachen Sicherheit nachlässiger zu werden?

Ich habe großes Vertrauen in die Wirkung von Begeisterung. Wenn man seinen Job und die Arbeit liebt, erzielt man bessere Ergebnisse. Wissenschaft geht Hand in Hand mit Neugier, Begeisterung und dem Wunsch, etwas zu entdecken, aufzuklären und zu erreichen. Ein seriöser Wissenschaftler wird sicherstellen, dass die Ergebnisse die höchste Qualität haben und dabei alle Sicherheitsaspekte respektieren. Das gilt für alle Bereiche, inklusive für Arbeiten mit Nanomaterialien.

Worin liegen die Schwierigkeiten bei der Sicherheitsbewertung von Nanomaterialien?

Das Gebiet der Toxikologie und Risikoabschätzung war und ist eine komplexe und herausfordernde Aufgabe. Das gilt für alle chemischen Substanzen, nicht nur für Nanomaterialien. Dafür gibt es viele Beispiele, z.B. die langdauernde Diskussion über die Sicherheit von Bisphenol A oder von Pestiziden, wie Glyphosat und anderen Stoffen. Daher ist es wichtig, harmonisierte, international anerkannte Methoden zur Risikoabschätzung anzuwenden, damit die Ergebnisse vergleichbar sind und Akzeptanz erreichen. Wenn Gefahrenabschätzung (Toxikologie) schon schwierig ist, so ist es die Expositionsabschätzung* noch mehr. Beide Faktoren stellen die Grundlage für die Risikobewertung. Für die Nanomaterialien sind es nicht nur die chemischen Stoffeigenschaften, die bewertet werden müssen, sondern auch die Größe und die Gestalt, da beide einen starken Einfluss auf deren toxikologisches Verhalten haben können.

Die Europäische Gesetzgebung berücksichtigt die unterschiedlichen Eigenschaften von Nanomaterialien im Vergleich zu ihren konventionellen (Bulk**-)Materialien.

(Anm. d. Red.: Bei der *Expositionsabschätzung geht es darum, inwieweit Personen mit den Substanzen in Kontakt kommen bzw. ihnen ausgesetzt sind. Unter **Bulk-Materialien werden hier die größeren, makroskaligen Varianten der Stoffe verstanden.)

Welche Rolle spielen wirtschaftliche Interessen (oder muss man sagen: welchen Druck üben sie aus) bei der Sicherheitsbewertung von Nanomaterialien ?

Mir ist kein Druck in dieser Hinsicht bekannt. Seit dem 1. Januar 2020 müssen Unternehmen zusätzliche Informationen über Nanomaterialien auf dem europäischen (EU/EEA) Markt liefern, wie es in der Chemikalien-Gesetzgebung der EU (REACH) festgelegt ist. Diese neuen Informationsanforderungen betreffen solche Unternehmen, die entweder Nanomaterialien herstellen oder importieren und die gemäß REACH registriert werden müssen. Die Nanoform von Materialien sind solche, die unter die Definitionsempfehlung der EU-Kommission fallen. Mehr Informationen gibt es auf der Webseite der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA): https://echa.europa.eu/-/get-ready-for-new-reach-requirements-for-nanomaterials.

Ist das eine Gefahr für Verbraucher?

Wie schon gesagt, egal um welche Substanz oder Technologie es sich handelt, ist Risikoeinschätzung eine schwierige Aufgabe. Europäische Gesetzgebung fordert angemessene Gefahrenanalyse. Da die Einstufung von Gefahren und die Expositionsabschätzung beide bei der Risikoanalyse wichtig sind, ist es klar, dass das Risiko nicht oder kaum vorhanden ist, wenn man der Gefahr nicht ausgesetzt ist, also nicht exponiert ist. Daher ist es wichtig, dass Beschäftige und Verbraucher sich über die potenziellen Gefahren klar sind, um Maßnahmen zu ergreifen, so wenig wie möglich exponiert zu sein.

Generell werden die Produkte auf dem europäischen Markt regelmäßig überwacht. Dazu haben wir in Europa strenge gesetzliche Anforderungen, so dass europäische Verbraucher im Allgemeinen den Produkten Vertrauen schenken können.

Die Verknüpfung von Wissen und Politik haben Sie einmal als spannend bezeichnet: Was ist, wenn politische Wünsche oder Vorgaben die Wissenschaftler unter Druck setzen, weil Ergebnisse gerne anders sein sollten?

Wissenschaftliche Politikberatung sollte immer unabhängig sein. Es gibt sicher Fälle, wo verschiedene Interessenvertreter und auch durchaus wissenschaftliche Einrichtungen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen gelangen, vor allem, wenn es sich um Risikobewertungen handelt. Dafür gibt es eine Reihe von Beispielen, ein aktuelles ist die Corona-Pandemie*. Daher ist es unerlässlich, qualitätsgesicherte Daten (Fakten) und harmonisierte und standardisierte Methoden zu haben und zu verwenden, um belastbare Ergebnisse und Schlussfolgerungen zu erhalten.

(Anm. d. Red.: *Hier zeigt sich, dass sich der Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen im Bund, in der EU und weltweit zum Teil erheblich unterscheidet.)

Risikomanagement zum Wohl der Gesellschaft beinhaltet viele Faktoren. Wir müssen uns immer vor Augen halten, dass dabei nicht nur Ergebnisse aus Risikobewertungen, sondern auch zum Beispiel die Sozio-Ökonomie eine Rolle spielt. Aus wissenschaftlicher Sicht ist es wünschenswert, wenn bei dem letztendlichen politischen Beschluss diese Gründe den Bürgern offengelegt werden, falls das Risikomanagement zu einer anderen Entscheidung kommt, als von der Risikobewertung vorgelegt.

Es ist von größter Wichtigkeit, dass die Wissenschaftler den politischen Hintergrund der anzugehenden Probleme verstehen. Die Beratung sollte dann unabhängig von jeglichen Interessen sein, und alle Fakten sollten klar offengelegt werden.
 

Kann die Sicherheitsbewertung mit dem zum Teil rapiden Tempo der Neuentwicklung und dem Wunsch nach Verwendung von Nanomaterialien mithalten?

Die Vorteile von Nanotechnologie bzw. Nanomaterialien liegen auf der Hand, es gibt viele Produkte, die unser Leben einfacher und besser machen und zudem schützen. Ein prominentes Beispiel der Anwendung ist die Medizin, so kommen diese Technologie bzw. Materialien z.B. bei der Krebsdiagnose und -behandlung zum Einsatz.

Die europäische Kommission nimmt Sicherheitsanforderungen sehr ernst. Allerdings ist es wichtig, mit der schnellen Entwicklung von neuen Produkten Schritt zu halten. So können vorteilhafte und nutzbringende Produkte so schnell wie möglich auf den Markt kommen, allerdings unter der Voraussetzung, dass adäquate und belastbare Risikobewertungen zugrunde liegen.

Bezüglich Nanopartikeln sollten wir immer im Auge behalten, dass immer dann, wenn es sich um ein feines Pulver handelt, auch einige Nanopartikel vorhanden sind (Gaußsche Funktion). Dieses gilt für jegliche Art von Produkten. Wir sollten nicht vergessen, dass selbst beim Entzünden einer Kerze Nanopartikel im Rauch auftreten können.

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