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Interview: „Verbraucher in Europa können der Sicherheit und Qualität von Produkten vertrauen“

Seite 3/3: „Für die Risikobewertung sollten qualitätsgestützte Maßnahmen zum Einsatz kommen“
 

Standardisierung stößt bei vielen Bürgern der EU auch auf Skepsis, weil sie den Verlust von Individualität bedeuten kann. Gilt das Argument auch im Bereich nanoskaliger Produkte?

Die Bürger mögen nicht immer eine positive Sichtweise auf einige Standardisierungsmaßnahmen in der EU haben, oft sind diese allerdings auf Wunsch von den Mitgliedsstaaten zustande kommen. Dennoch schätzen die Bürger unsere hohen Standards, die sichere und qualitativ hochwertige Lebensmittel und Verbraucherprodukte gewährleisten. Es ist nicht nur wichtig, Verbraucher über mögliche Risiken aufzuklären, sondern auch über die positiven Effekte von Standardisierung zu berichten. Dieses gilt im Besonderen auch für die Nanotechnologie.

Bestehen wesentliche Unterschiede bei der Sicherheits-Beurteilung der Nanomaterialien zur „normalen“ chemischen Toxikologie?

Wenn immer möglich, sollten die besten Methoden zur Risikobewertung angewendet werden, für alle Substanzen, egal in welcher Größe und Form sie vorliegen. Ich möchte klarstellen, dass die Größendefinition von Nanomaterialien (1-100 nm) nicht direkt mit ihren potenziellen toxikologischen Eigenschaften einhergeht. Allerdings gibt es viele internationale Bemühungen, z.B. auf OECD-Ebene, um harmonisierte toxikologische Verfahren zu entwickeln. Hier ist auch das JRC maßgebend beteiligt, vor allem auch durch die Bereitstellung von repräsentativen Nano(test)materialien. Um potenzielle Risiken abzuschätzen, ist es nicht nur wichtig, die toxikologischen Eigenschaften zu verstehen, sondern auch die mögliche Exposition. Um wiederum letztere zu verstehen, ist es wichtig, entsprechendes Monitoring durchzuführen. Dafür sind wiederum geeignete und wenn möglich, standardisierte Methoden die Voraussetzung, um z.B. den Anteil von Nanomaterialien in Lebensmitteln und Verbraucherprodukten und in der Umwelt zu bestimmen. Auf diesem Gebiet ist das JRC schon viele Jahre tätig und entwickelt die entsprechenden Rüstzeuge für Qualitätssicherung, wie z.B. die Durchführung von Leistungstests, Validierung von analytischen Methoden und die Entwicklung von (zertifiziertem) Referenzmaterial.

Ich möchte nochmal hervorheben, dass solche qualitätsgestützten Maßnahmen idealerweise immer zum Einsatz kommen sollten, nicht nur für die Analyse und Risikobewertung von Nanomaterialien. Es mag aber notwendig sein, zusätzliche Methoden für Nanomaterialien anzuwenden. Daher unterstützten die europäische Kommission und das JRC die Entwicklung von Testrichtlinien in der OECD. Zudem wurde die REACH-Verordnung angepasst und enthält jetzt spezifische Anforderungen für mehr Information bzw. Vorschriften für Nanomaterialien.

Bewertet die Gemeinsame Forschungsstelle auch Risiken von Stoffen?

Nein, das JRC nimmt selbst keine Risikobewertungen vor. Sie werden durch andere Interessenvertreter durchgeführt: durch die Betriebe, die Nanomaterialien herstellen und auf den Markt bringen, die offiziellen Behörden in den EU-Mitgliedstaaten und europäische Agenturen wie ECHA und EFSA. Allerdings trägt das JRC durch eigene wissenschaftliche (Labor-)Arbeiten zu der Entwicklung von internationalen Testrichtlinien bei und liefert Rüstzeuge für Qualitätssicherung und -kontrolle, um die Ergebnisse aus Risikobewertungen verlässlich und belastbar zu machen.

Gibt es Fälle, bei denen Sie bezweifeln, dass der Einsatz bestimmter Nanomaterialien sinnvoll ist?

Ich habe großes Vertrauen in die EU-Maßnahmen, die sichere Lebensmittel und Verbraucherprodukte gewährleisten sollen.

Es mag viele Produkte geben, die im täglichen Leben eines Konsumenten nicht wichtig sind, andere sind sicherlich lebensrettend. Es ist Sache des einzelnen Bürgers, welche Produkte er kauft.

Was Nanomaterialien in Verbrauchsgütern betrifft, wie z.B. solche in Sonnencremes, bin ich der Meinung, dass sie sinnvoll sind und den Verbrauchern helfen. Allerdings würde ich persönlich von der Nutzung von z.B. Nanosilber in Textilien oder in anderen Produkten wie aktuell Gesichtsmasken Abstand nehmen, da ich nicht wirklich einen Vorteil solcher Produkte erkenne, die dann eventuell (durch Waschen oder die Entsorgung) in die Umwelt gelangen und sie belasten können. Dieses mag aber auch für eine Reihe von Nicht-Nanomaterialien gelten.

Als Wissenschaftlerin werden Sie den Fortschritt schätzen. Gibt es – gerade im Bereich der Lebensmitteltechnologie – auch Themen, bei denen Sie eher auf Altbewährtes setzen?

Ich bin der Meinung, dass wir den Fortschritt immer nutzen sollten. Wir haben so viele gesellschaftliche Herausforderungen wie z.B. eine wachsende und alternde globale Bevölkerung, für die nicht nur ausreichend Nahrung zur Verfügung gestellt werden muss, sondern dabei auch die Umwelt berücksichtigt werden muss. Wir brauchen energiesparende, emissionsarme und intelligente Technologien und Maßnahmen. Diese beinhalten auch Lebensmittelprozesse, wo die Nanotechnologie eine Rolle spielen kann. Dabei ist es wichtig, dass nur eine solche zum Einsatz kommt, nachdem sie als sicher, wirtschaftlich und zwecktauglich eingestuft wurde.

Anmerkung

Viele meiner Antworten basieren auf meiner persönlichen Meinung und repräsentieren nicht die der Europäischen Kommission oder einer EU-Agentur.

Frau Dr. Anklam, vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Das Nanoportal Baden-Württemberg macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

(Juli 2020)

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